ELBJAZZ 2018

Jazz thing Next Generation Vol. 17

In Hamburg kennt man Tim Rodig gut. Sein sattes Tenorsaxofon ist in den besten Soulbands der Hansestadt und bei seinen regelmäßigen Sessions im Stage Club zu hören. Zum zehnten Jubiläum seines Quintetts erscheint jetzt das Debütalbum der Tim Rodig 5 in unserer Reihe „Jazz thing – Next Generation“. Mit „Floating Around“ (Double Moon/sunny moon) machen Tim Rodigs melodischer Hardbop und das akustische Funkvergnügen seines Quintetts auch überregional von sich hören.

Tim Rodig 5 - Floating Around

Sein erstes Quintett hat Tim Rodig vor gut zehn Jahren gegründet; mittlerweile spielt es in hanseatischer All-Star-Besetzung: Claas Überschär an Trompete und Flügelhorn, Buggy Braune am Klavier und E-Piano, Oliver Karstens am Kontrabass und Ole Seimetz am Schlagzeug. Und wenn da nicht die Sängerin Ulita Knaus gewesen wäre, mit der der Saxofonist seit etlichen Jahren Heim und Herz teilt (und seit dem 26. Januar 2007 auch einen Sohn), wäre die Musik wohl bis heute noch nicht aufgenommen. „Hätte Ulita nicht irgendwann mal sehr deutlich gesagt, wie gut sie meine Stücke findet, hätte ich mich vielleicht immer noch nicht zu einem Aufnahmetermin durchgerungen“, meint Tim Rodig.

Dass dieser Termin längst überfällig war, hört man auf „Floating Around“ deutlich. „Es ist mir wichtig, dass alles fließt“, kommentiert Tim Rodig den Albumtitel. „Aber dahinter steckt auch ein ’stilistisches Umherschweben, ein grenzenloses Wandeln zwischen meinen Einflüssen, von Bebop und Hardbop bis zu Funk und Soul.“ Gekonnt und gelungen setzt Tim Rodig als Komponist und Instrumentalist Akzente, bezieht Stellung für den Wetterreporter „Herrn Z aus Ö“ oder „Kenny & Elvin“ (Kirkland und Jones). Sein „Nasty Dance“ erinnert an die Energie und den Sound der Aufnahmen von Joe Henderson oder Wayne Shorter mit Lee Morgan. Der hitzige „Blues In Der Küche“, die saftige Ballade „Süßes Leiden“ oder das elegant swingende „No Moe Fo Yo“ verbeugen sich vor seinen Helden Joe Lovano, Kenny Garrett oder Branford Marsalis – und damit auch vor Rollins und Coltrane. Bei den Grooveprotzen „Pussy Galore“ (hatte ich das mit den Hormonen erwähnt?), „This Is Where Its At“ oder „Bum & Bim“ klingen Les McCann und Eddie Harris an. Letzteres ist, ebenso wie das tragisch-traurige, von Ulita Knaus gesungene „My Brother“, Rodigs Bruder gewidmet, der vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist. „Mein älterer Bruder hat mich zum Jazz gebracht“, erzählt Tim Rodig. „Als ich gerade noch die Beatles hörte, hat er, der selbst Gitarre spielte, mir diesen heftigen, elektronischen Miles vorgespielt. Eigentlich, um mich zu ärgern. Dass es mir dann gefiel, hat ihn natürlich irritiert.“

Auch Tim Rodigs klassischer Klarinettenlehrer war verunsichert, als der talentierte Eleve gleich in der ersten Stunde eine selbst herausgehörte Stan-Getz-Improvisation aus „The Girl From Ipanema“ vortrug. „Ich habe gar nicht verstanden, warum alle so einen Aufstand ums Improvisieren gemacht haben. Mir ging das ziemlich leicht von der Hand.“

Was Tim Rodig schon damals an den Nestoren des Bebop faszinierte, war deren Musik gewordene positive Lebensenergie. Und die damit einhergehende Seinsfrage: „Wie kann es sein, dass diese alten Knacker so gut spielen?“. Als Sting 1986 an der Seite von Branford Marsalis und Kenny Kirkland „Bring On The Night“ forderte, folgte Rodig seinem Ruf, indem er sämtliche Saxofonsoli des Albums auf seiner Klarinette nachzuspielen lernte.

Doch selbst intensives Proben und Spielen und auch nicht der Wechsel zum Saxofon mit 18 konnten ein grundsätzliches familiäres Problem lösen: „Musiker zu werden kam nicht nur nicht in Frage – der Gedanke existierte einfach nicht.“ Die nicht bestandene Tonmeisterprüfung, ein halbherziges Lehramtsstudium und Rodigs spontanes Einspringen als Saxofonist einer reisenden Musical-Produktion waren Umwege, die ihn endlich 1993 nach New York und doch noch zu einer Musikerkarriere führten. „Ich war nur zu Besuch bei einer Freundin“, erinnert er sich. „Eines Tages ging ich an der New School vorbei und las das Schild ‚Auditions today‘. Ich nahm mein Saxofon und spielte, völlig unangemeldet und unvorbereitet, die Aufnahmeprüfung – mit Reggie Workman! Ich war wohl am meisten überrascht, als man mich anschließend fragte: ‚When would you want to start?‘“ Nach einem guten Jahr in New York („Wir sind jeden Abend von Konzert zu Session zu Konzert gezogen. Und am nächsten Morgen um acht aufgestanden, um zu üben. Es war toll!“) wechselt Tim Rodig 1994 nach Hilversum, wo er sechs weitere Jahre studiert.

„Das alles habe ich mir, bis auf ein kleines Stipendium in New York, selbst finanziert. Zwischendurch bin ich einfach immer in Deutschland gewesen und habe gespielt – alles, was sich so angeboten hat.“ Dazu gehörten – neben etlichen Jazzgigs, etwa mit Bigbands unter Maria Schneider, Peter Herbolzheimer oder John Clayton – auch Pop- und Klassikgigs hinter Stefan Gwildis oder dem Mahler Chamber Orchestra und Anne Sofie von Otter. „Das ist ein Teil von mir“, bekennt Tim Rodig. „Natürlich stehe ich auf all diese Sachen, bin die Summe meiner Einflüsse. Das kann und soll man auch auf meinem Album hören. In New York hat man uns immer wieder gesagt: „Sei ehrlich! Bedenke, wo du herkommst und wo du stehst.“ Das habe ich damals noch nicht so wirklich verinnerlicht. Ich wollte lieber hippe Licks statt alter Weisheiten hören. Inzwischen weiß ich, wie recht die alten Herren hatten.

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