Simon Kuhn

Mit der Geige im Kopf

Mit dem Album „Containment“ (Double Moon/Bertus) gelingt es dem Quartett von Simon Kuhn, die ersten zwei Jahre seiner Existenz auf den Punkt zu bringen. Das macht der Schlagzeuger mit seinen drei Mitstreiter/-innen, zu denen der Gitarrist Jan Schrüllkamp, der Bassist Kevin Henkemeier und die Geigerin Ania Badura gehören, in einer multistilistischen Form. Darüber und vor allem, welche Rolle die Geige in seiner Band spielt, hat Kuhn mit unserem Autor gesprochen.

Simon Kuhn – Containment (Jazz thing Next Generation Vol. 114, Cover)

Simon Kuhn ist in Düsseldorf aufgewachsen und hat schon früh begonnen, Schlagzeug zu lernen. „Meine Eltern haben mir vorgeschlagen, ein Instrument zu lernen, und irgendwie war es mir klar, dass es das Schlagzeug sein sollte. Als Kind haut man wohl einfach gerne drauf“, schmunzelt Kuhn. „Am Anfang habe ich Rockmusik gespielt, aber mein Lehrer in Düsseldorf, das war Martin Schmidt, hat mir dann den Jazz nahegebracht.“ Schmidt hat seinem Eleven unter anderem „My Favorite Things“ von John Coltrane vorgespielt, und damit war es um Simon Kuhn geschehen. „Das hat schließlich dazu geführt, dass ich an der Folkwang-Hochschule in Essen studiert habe“, erzählt er, „wo ich auch die Musiker meiner Band kennengelernt habe.“ Allzu weit ist Essen nicht von Düsseldorf entfernt, es hatte aber noch einen anderen Grund, warum Kuhn dort studieren wollte. „Mein zweiter Lehrer Michael Knippschild hatte auch an der Folkwang studiert“, erzählt er, „deshalb war das naheliegend für mich.“ Im Sommer 2023 entstand sein Quartett, ein Jahr später gewann es den „Jazz@undesigned“-Wettbewerb der Dörken-Foundation.

Davor hatte Kuhn schon lange mit der Violinistin Ania Badura zusammengespielt. „Sie war in meinem Semester und hat einen ähnlichen Musikgeschmack wie ich“, berichtet Kuhn. „Sie hat dann auch in der ersten Combo, die ich an der Hochschule hatte, gespielt. Für mich war ihr Instrument nichts Ungewöhnliches, weil ich halt ständig mit ihr gespielt habe.“ Die Geige hat sich also in der Form seiner Kommilitonin in die Band geschmuggelt. „Mittlerweile bin ich sehr glücklich mit dem Instrument, weil die Geige halt eine ganz besondere Klangfarbe zur Musik beisteuert“, sagt Simon Kuhn, „aber die eigentliche Entscheidung war nicht, dass ich eine Geige in der Band haben wollte, sondern dass ich mit Ania spielen wollte.“ Schnell kamen auch die weiteren Mitstreiter ins Spiel. „Der Gitarrist Jan Schrüllkamp und der Bassist Kevin Henkemeier waren ebenfalls auf der Folkwang, wenn auch nicht in unserem Semester“, erinnert Kuhn sich. „Mit denen habe ich dort auch ab und zu gespielt.“

Simon Kuhn Band (Foto: Max Hagen)

Sieben der acht Stücke des Debütalbums stammen von Kuhn – Ania Badura hat den Song „No. 1″ beigesteuert –, und doch ist der Schlagzeuger eher zufällig zum Komponisten geworden. „Ich habe begonnen, für die Band zu schreiben, weil es sonst niemand machen wollte“, sagt er grinsend. Dass die Leadstimme seiner Band eine Geige ist, hat dabei kaum eine Rolle gespielt. „Bei den meisten Lead Sheets ist es eigentlich gar nicht wichtig, ob ein Saxofon oder eine Geige die Melodie spielt“, hat Kuhn festgestellt. „Manche Stücke habe ich auch mit der Geige im Kopf geschrieben.“

Die Bandbreite von „Containment“ reicht von kräftigen Uptempo-Nummern wie „Thales Of Miletus“ – ein antiker Philosoph – und dem eher kammermusikalischen „Trio In A-Moll“ bis zu dem von Jack DeJohnette und dessen Band Special Edition inspirierten „The Alchemist“. Der kann bekanntlich so ziemlich alles in Gold verwandeln; Simon Kuhn hat zumindest seine verschiedenen Klangvorstellungen in (musikalisches) Gold verwandelt, mit deutlicher Unterstützung seiner Solistin Ania Badura. „Der Impuls beim Schreiben ist schon, neue Klangfarben oder Stilistiken auszuprobieren“, findet der Schlagzeuger – da geht es ihm wohl wie jedem anderen Bandleader auch.

Und doch gibt es einen gewichtigen Unterschied zu Bands, bei denen ein Bläser die Hauptrolle spielt, der sich vor allem in der Live-Situation manifestiert hat. „Anfangs gab es bei unseren Konzerten gewisse Schwierigkeiten, weil sich die Geige halt schwer im Sound durchsetzt und auch nicht so eine dynamische Bandbreite wie Trompete oder Saxofon hat“, erinnert Kuhn sich. Das hat sich längst gegeben.

Wer die Band live erleben möchte, wird sich noch ein wenig gedulden müssen. „Vermutlich werden wir erst im Februar 2027 auf Tour gehen“, sagt Kuhn, „denn Ania studiert zurzeit in Amsterdam und macht dort ihren Master. In dieser Februarwoche haben wir jedenfalls alle Zeit.“

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Text
Rolf Thomas
Foto
Max Hagen

Veröffentlicht am unter 165, Heft, Next Generation