Jazz thing Next Generation Vol. 5

Mittlerweile steht die fünfte Folge der „Next Generation“ in den Startlöchern: Nach zwei Sängerinnen, einem Saxofonisten und einem Pianisten ist es diesmal ein Trompeter, der – vielleicht weil es die fünfte Folge ist? – ein Quintett um sich geschart hat. Berühmt werden will Martin Auer aber trotzdem nicht. Oder zumindest nur auf seine Weise.

Martin Auer Quintet - For Olivia

Auf die Frage, ob Martin Auer Quintet nicht ein etwas langweiliger Name für ein Jazz-Ensemble von heute sei, reagiert der 28-Jährige störrisch. „Warum?“, fragt er zurück. „Er bringt genau das zum Ausdruck, was er soll. Wir sind eine Band, und ich bin der Leader. Gerade in Berlin, wo ich zur Zeit lebe, wollen alle um jeden Preis cool sein und nennen sich Sprung Aus Den Wolken oder so. Das würde ich gerne vermeiden. Wir wollen nicht heute hip und morgen vergessen sein, sondern uns langsam einen Namen machen. Und dafür ist so ein vermeintlich langweiliger Name einfach am besten geeignet.“

Martin Auer ist in Süddeutschland geboren worden und aufgewachsen – die Blasmusik hat er daher mit der Muttermilch aufgesogen. „Bayern hat da einfach eine unschlagbare Tradition – und auch sehr viele Musikschulen“, sagt er. „Aber ich habe mich zuerst für klassische Musik interessiert, zum Jazz bin ich erst relativ spät gekommen.“ Einflüsse und Interessen, die ihn überhaupt zur Trompete gebracht haben, streift er nur kurz. „An Miles Davis kommt man als Trompeter doch gar nicht vorbei“, meint er nur. „Was soll ich also lange darüber reden. Es gibt aber auch in der Rockmusik mehr Trompeter, als man so denkt.“

Das Martin Auer Quintet, mit dem er das Album „For Olivia“ (Double Moon/ sunny moon) eingespielt hat, ist nicht die einzige Band, in der Auer spielt. Ich treffe ihn in Düsseldorf im Wohnzimmer einer noblen Vorort-Villa mit riesiger Fotobücherwand (in der sich unter anderem ein brillanter Band über „Road Movies“ findet), wo er im Quintett des Schlagzeugers René Marx gerade eine bravouröse Version des Latin-Klassikers „Tico Tico“ ins Mikrofon schmettert. Leider wird es noch einige Zeit dauern, bis diese fetzige Fassung des Songs herauskommt – denn ein Plattenvertrag für diese Jungs ist noch nicht in Sicht.

Bleiben wir also bei dem, was wir haben. Wer oder was ist Olivia, der die Platte gewidmet ist? „Dazu möchte ich eigentlich nichts sagen“, mauert Herr Auer. „Das soll ein Geheimnis sein. Ich kann nur so viel verraten, dass es ohne diese Olivia, die eine Freundin der Band ist, die Platte nicht gegeben hätte. Aber ich möchte diesen bandinternen Mythos gerne so stehen lassen. Der Name der Platte hat durchaus einen realen Bezug.“

Mit seiner Band ist Martin Auer mehr als zufrieden. „Wir spielen nur eigene Stücke“, betont er. „Jeder meiner Musiker hat komponiert. Zu mir selbst kann ich sagen: Ich bin nicht in einem Alter, in dem ich die Beherrschung der Trompete schon als abgeschlossen betrachten würde. Ich investiere sehr viel Zeit in meine Musik, und es hat sicher auch viel mit Musikalität zu tun, die man mitbringen muss. Ich habe in Mannheim studiert und musste dann einfach da weg. Seit drei Jahren lebe ich nun in Berlin. Im Moment ist das noch eine sehr interessante Stadt – ob das in drei Jahren noch so sein wird, glaube ich allerdings nicht. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, muss ich jedoch auch in diversen Varietés spielen. Das Geld, das ich da bekomme, investiere ich dann in die musikalisch interessanten Projekte.“

Man könnte sagen, das Martin Auer Quintet in der klassischen Besetzung von Trompete, Saxofon, Piano, Bass und Schlagzeug spiele soliden Modern Jazz mit Ecken und Kanten. Was sich anhört wie ein Satz aus dem Phrasenhandbuch für Jazz-Journalisten, ist in Wahrheit aber viel spannender. Denn die fünf Ensemblemitglieder sind extrem gut aufeinander eingespielt – und Martin Auer ist auf der Trompete schlicht sensationell. Gerne hätte man den Jungs den einen oder anderen Kritikpunkt aufgezeigt – Fakt aber ist: Auf „For Olivia“ findet sich keiner. Es ist schlicht eine hervorragende Jazzplatte, deren ausgewogene Mischung von Balladen und um die Ecke gedachten Uptempo-Nummern verrät, dass Martin Auer und sein Quintett sich auch um die Reihenfolge der Stücke auf einer CD und das Editing Gedanken gemacht haben. Einmal mehr haben sich Double-Moon-Chef Volker Dueck und der Herausgeber dieser Zeitschrift als veritable Talent-Scouts erwiesen.

Was kann dem Martin Auer Quintet also noch passieren? Sehr viel – und gar nichts. Entweder ist „For Olivia“ der Start zu einer großen Karriere – oder die Platte wird ignoriert. Spektakuläre Publicity-Stunts, um sich irgendeiner Hipster-Szene anzudienen, sind von Martin Auer jedenfalls nicht zu erwarten, denn das entspräche nicht seinem Naturell: „Wir wollen unseren Weg in der Spießer-Szene machen. Und wenn die Leute denken, dass sich hinter dem Spießer-Image fünf coole Typen verbergen, umso besser. Wenn sie dann merken, dass wir tatsächlich nur Spießer sind, wird es vielleicht cool, ein Spießer zu sein.“

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