ELBJAZZ 2018

Jazz thing Next Generation Vol. 10

Unsere mit dem Kölner Label Double Moon Records initiierte Reihe „Jazz thing – Next Generation“ feiert ein rundes Jubiläum: Mit Gary Fuhrmanns „G-Zone“ kommt die zehnte CD auf den Markt. Auf dieser gibt der junge Saxofonist mit seinem Quartett einen Modern Mainstream zum Besten, der so sinnlich und erregend ist, wie es der Album-Titel verspricht.

Gary Fuhrmann - G-Zone

Um das Gespräch mit Gary Fuhrmann über dessen „Next Generation“-Album „G-Zone“ (Double Moon/sunny moon) überhaupt führen zu können, musste erst das eine oder andere Kommunikationsproblem aus dem Weg geräumt werden. Der Grund für die Schwierigkeiten war der Umzug des jungen Saxofonisten von Mannheim nach Paris. „Weil ich intensiv üben und mich ausschließlich mit Musik beschäftigen wollte – so, wie ich es nur im ersten Studienjahr machen konnte –, habe ich mir überlegt, dass ich noch einmal aus Deutschland rauswill“, erklärt Fuhrmann seinen Umzug.

Die Entscheidung für diesen Ort hat er sich genau überlegt. Es sollte auf jeden Fall eine Großstadt sein, in der kulturell und musikalisch viel los ist. Und weil Fuhrmanns Mutter Französin ist, er deshalb auch einen französischen Pass besitzt und zweisprachig aufgewachsen ist, fiel die Wahl recht schnell auf Paris als Ort für diese Auszeit. Seit Mitte August lebt er also für ein Jahr in der französischen Hauptstadt, um sich vom „Multikulti“-Flair der Stadt an der Seine inspirieren zu lassen. „Unter Umständen komme ich nach einem Jahr zurück und bin völlig pleite. Aber das nehme ich bewusst in Kauf, weil ich sicherlich bei meiner Rückkehr an Erfahrungen reicher sein werde.“

Doch darüber muss sich Fuhrmann wohl keine Sorgen machen. Denn mit seinem Debüt als Leader hat er eine viel versprechende musikalische Visitenkarte abgeliefert, die Basis für eine erfolgreiche Karriere sein könnte. Mit seinem Quartett mit Rainer Böhm am Flügel und Fender Rhodes, René Marx am Schlagzeug, Matthias Nowak am Bass sowie den beiden Tenorsaxofonisten Johannes Enders und Jürgen Seefelder und dem Trompeter Martin Auer (übrigens „Next Generation“-Musiker Nummer 5) als Gästen hat er im Studio vier Original- und drei Fremdkompositionen aufgenommen, die dem Album-Titel alle Ehre machen: ein die Sinne an- und erregender, hochemotionaler Modern Mainstream mit Ecken und Kanten. Aber Fuhrmann bleibt bescheiden:

„Es war mir halt ein Bedürfnis, meine Musik mit den Musikern aufzunehmen, mit denen ich seit langem zusammenspiele. Für mich bedeutet die Veröffentlichung dieser Platte so etwas wie der richtige Beginn meiner Karriere.“

Mit Jazz ist der 1978 im pfälzischen Worms geborene Gary Fuhrmann schon früh in Berührung gekommen. Sein Großvater mütterlicherseits war unter anderem Fan von Django Reinhardt. „Als Kind war es für mich ganz normal, zusammen mit meinem Großvater die Musik dieses Gitarristen zu hören.“ Aber bevor er zum Sopran- und Tenorsaxofon kam, lernte er zuerst einmal klassische Klarinette. „Irgendwann kam ich an den Punkt, dass ich Musik studieren wollte“, berichtet Fuhrmann. „Dabei ist mir dann aber auch klar geworden, dass für mich das Improvisieren ungeheuer wichtig ist und ich nicht als klassischer Musiker in einem Orchester mein Dasein fristen will.“

Ein Jahr lang war er daraufhin Saxofonist im Landesjugendjazzorchester Rheinland-Pfalz. Nach Abitur und Zivildienst wollte sich Fuhrmann gründlich auf die Jazz-Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Mannheim vorbereiten. Doch es kam anders als geplant: „Eigentlich hatte ich das Gefühl, dass ich noch nicht so weit war, um mit einem Musikstudium zu beginnen. Aber weil 2000 zu wenige Saxofonisten genommen wurden, hat man noch Studenten gesucht.“ Jürgen Seefelder, der neben Johannes Enders einer seiner Saxofondozenten in Mannheim wurde, rief ihn an und fragte, ob er es sich zutrauen würde, doch schon mit dem Studium zu beginnen. „Ich hatte nichts zu verlieren“, so Fuhrmann im Rückblick. „Die Entscheidung war die richtige, weil ich vor fünf Jahren als Saxofonist noch ganz am Anfang war. So konnte ich die Jazz Roots von Grund auf lernen.“

Und damit zurück zu „G-Zone“. Einer der auffälligsten Tracks ist Fuhrmanns raffinierte Bearbeitung von „LaLeLu“, einem Schlager aus der 1950er-Film-Schmonzette „Wenn der Vater mit dem Sohne“ mit Heinz Rühmann und Oliver Grimm

„Das Arrangement habe ich bereits während meines Studiums geschrieben. Damals habe ich mich mit John Coltrane und dessen Giant Steps-Changes auseinandergesetzt. Und LaLeLu war so etwas wie eine Übung: einem simplen Musikstück den Coltrane-Stempel aufzudrücken. Das, was man jetzt auf Platte hört, war das Ergebnis dieser Übung.“

Ein weiterer Aspekt macht dieses Stück interessant und spannend: Fuhrmann liefert sich darauf eine Tenor-Battle mit seinen beiden früheren Dozenten Seefelder und Enders – auch, um ihnen auf musikalische Art und Weise für die Lehr- und Lernzeit zu danken.

„Ich respektiere die beiden sehr, auch und gerade aus menschlicher Sicht. Und selbst auf die Gefahr, dass ich im Vergleich mit meinen beiden Ex-Lehrern schlecht hätte aussehen können, hatten wir bei der Aufnahme eine Menge Spaß miteinander.“

Obwohl in den sieben Titeln von „G-Zone“ ein fast lupenreiner Modern Mainstream zu hören ist, begreift sich Gary Fuhrmann keineswegs als Hardcore-Jazzmusiker, der sich nur auf dieses Genre eingrenzen lässt. Seine musikalische Offenheit, wie er sie etwa als Saxofonist bei der auch in Frankreich populären Mardi Gras.bb zeigt, gibt ihm auch die Chance, in Paris nicht völlig auf finanzielle Einnahmen zu verzichten und nicht vom Ersparten leben zu müssen.

„Jazz ist sicherlich die Musik, die mir wichtig ist. Aber spielerisch will ich mich nicht darauf beschränken. Ganz im Gegenteil: Ich möchte offen für viele andere Sachen sein.“

Und um Erfahrungen sammeln zu können, ist Paris der richtige Ort – nicht nur der Liebe wegen.

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