Man könnte eine Dissertation darüber schreiben. Oder einfach Felix Heydemann zuhören. Der Gitarrist aus Köln hat sich intensiver als die meisten anderen mit dem Reizthema „Groove“ beschäftigt und eine einfache Erklärung dafür gefunden: Groove ist, wenn es läuft. Plastisch nachzuvollziehen auf seiner Debüt-CD, einer durch und durch exklusiven improvisatorischen Freakshow. Mit der hat es Heydemann jetzt immerhin in die Reihe „Jazz thing Next Generation“ geschafft. Was durchaus für die Richtigkeit seiner These spricht.

Felix Heydemann Groove Connection - Exclusive Freak Show

Man kann sich John Abercrombie recht gut vorstellen, wie er mit dem rechten Fuß wippt, den Kopf federn lässt und mit geschlossenen Augen zufrieden wie ein frisch gewickeltes Baby lächelt. Schließlich weiß der Gitarrenpapst aus dem Städtchen Portchester im Staate New York einen guten Groove mit deliziösem Hammond-Sahnekrönchen allemal zu schätzen. Eine Leidenschaft, die er mit seiner eigenen Leib- und Magenband um den Organisten Dan Wall, den Drummer Adam Nussbaum und den Violinisten Mark Feldman nach Belieben ausleben kann

Irgendwie klingt Felix Heydemann auch ein wenig wie Abercrombie – nicht im Sinne von billiger, profilloser Kopie, sondern mehr von fantasievoller Weiterdeutung einer brillanten ästhetischen Idee. Denn der 33-jährige Kölner durfte während seines Aufenthaltes im Big Apple 2003 fünf Monate lang bei seinem Vorbild studieren

„Er hat mich geprägt, ganz ohne jeden Zweifel“, schwärmt Heydemann. „Wenn ich mir das auch nicht bewusst vorgenommen habe, so kann ich doch kaum leugnen, dass vieles sowohl in kompositorischer als auch in solistischer Hinsicht auf ihn zurückzuführen ist.“

Pflichtschuldig schickte der junge Deutsche daher die aktuellen Aufnahmen mit der Groove Connection an seinen Lehrmeister – „nur um ihm zu zeigen, was ich heute so mache.“ Die Reaktion darauf mündete in einigen überaus wohlwollenden Zeilen für „Exclusive Freak Show“ (Double Moon/SunnyMoon), die funkelnagelneue Perle auf der mittlerweile recht üppigen „Next Generation“-Kette. Abercrombie hält den Bandnamen Groove Connection jedenfalls für eine perfekte Wahl: „Contemporary music that grooves and has connection to the tradition of all great jazz.“ Heydemanns CD könne er deshalb nur jedem wärmstens ans Herz legen.

Die Dinge laufen wirklich prima, auch ohne solch prominente Fürsprache. Felix muss nicht wie manch anderer Fingernägel beißend vor dem Telefon sitzen und der Dinge harren, die da vermutlich doch nicht kommen, sondern hat richtig gut zu tun. Entweder mit besagter Connection, mit dem Blue Art Orchestra (zuständig für Swingverwandtes), mit dem Jazz Soul Department (nomen est omen), den Arkadia Allstars (programmatisch auf Pop-Jazz ausgerichtet), dem Vibrafonisten Matthias Strucken oder dem Indie-Elektro-Pop-Sänger Roman, als Dozent bei den Arbeitsphasen des Landesjugendjazzorchester Saarland unter der Leitung von Professor Georg Ruby oder als musikalischer Chef der Jazzreihe „Round About Midnight“ im Kölner Stadtgarten.

Gestern Nacht ist es wieder spät geworden: Konzert in Aachen mit Feliz, einem Bossa-Trio um die Sängerin Angela Luis und den Saxofonisten Felix Petry. „Normalerweise lebe ich ja sehr diszipliniert, esse brav mein Müsli und treibe regelmäßig Sport“, versucht der frischgebackene „Next Generation“-Held das Image der nächsten Jazzmusiker-Generation zu transportieren. „Aber wenn es drei Uhr wird, komme ich nun mal nicht um sieben aus den Federn.“ Gegen Mittag reicht es aber allemal schon für einen theoretischen Grundkurs in Sachen „Groove“:

„Wenn ein bestimmter Grundrhythmus entsteht, der den Leuten automatisch ein Grinsen ins Gesicht zaubert, dann heißt es oft, das würde tierisch swingen. Dabei ist nicht mal der Swing im klassischen Sinn gemeint, sondern eher ein Bauchgefühl. Die Amerikaner benutzen dafür den Ausdruck funky und haben in den seltensten Fällen Funk im Sinn. Man könnte es auch Groove nennen. Für mich groovt es, wenn die Band sehr eng zusammenspielt, wenn es einfach läuft.“

Alles kann Groove sein, sagt Felix Heydemann und haftet mit seinem weit gesteckten Betätigungsfeld höchstpersönlich für diese kecke Aussage. Pop, Funk, Soul, Samba, Rave, HipHop, Techno. Auch Swing. Vor allem aber seine Groove Connection. „Natürlich firmiert es unter Contemporary Jazz, öffnet sich jedoch in alle möglichen Richtungen“, umschreibt der Gitarrero die kongeniale Symbiose mit seinen Freunden Denis Gäbel (Tenorsaxofon), Dirk Schaadt (Hammond B 3, Bass Synthie) und Marcus Möller (Drums).

Die vier Freaks haben sich nicht weniger vorgenommen, als den Heiligen Gral des Jazz zu finden. Sie wollen die langen, subtil strukturierten, fast suitenartig konzipierten Kompositionen Heydemanns instrumental virtuos, aber auf keinen Fall verkopft präsentieren – was ihnen erstaunlicherweise gelingt. Melodiefrakturen tauchen immer wieder auf, scheinbar diametrale Teile fügen sich auf beinahe organische Weise zusammen.

Ein Rezept, das der Bandleader in den frühen Kochbüchern des Jazz fand. „Mit einer Hammond kann man richtige Flächensounds erzeugen, wie das in den Sechziger- und Siebzigerjahren häufig geschah“, doziert Felix Heydemann quirlig. „Akkorde bleiben länger stehen als mit einem Klavier.“ So brutzelten Wes Montgomery, Grant Green oder George Benson einstmals ihre deftigscharfen Soul-Chilis zusammen. Felix schätzt deren Konsistenz durchaus, mag es aber feiner, geschmacklich weniger eindimensional.

„Manchmal wird es sogar ziemlich free, aber in der Hauptsache legen wir uns auf recht eingängige Harmonien fest, die man sich auch in guten Popsongs vorstellen kann. Dinge, die im Ohr bleiben. Das war schon immer mein Anliegen. Warum ist Pop so erfolgreich? Weil man ihn nicht vergisst! Das schönste Kompliment höre ich manchmal nach Konzerten oder in E-Mails: Da sagen Leute, sie hätten immer noch die Melodie des ersten Stückes im Kopf. Mehr kann man sich wirklich nicht wünschen!“

Es lebe der Kontrast zwischen Anspruch und Realität, zwischen Energie und Lockerheit, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Abstraktion und Simplizität. Irgendwie scheint heute aber nur mehr das eine oder das andere zu funktionieren. „So etwas macht Spaß und ist ungeheuer spannend“, wirbt der Gitarrist für ein generelles Umdenken. Schließlich wisse man seit Louis Armstrong, dass sich Kunst und Kommerz auf keinen Fall ausschließen. Nach Felix Heydemanns Lesart waren Satchmos „Hot Five“ also die erste improvisatorische Freakshow des Jazz.

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