Schlagerstar Rex Gildo, Mozarts Großonkel Franz, Can-Gitarrist Michael Karoli und eine DSDS-Gewinnerin: Das niederbayrische Straubing kann in Sachen „Persönlichkeiten der Musikwelt“ quer durch die Jahrhunderte eine ziemlich schräge Palette servieren. Gleich zwei ehemalige Gewächse dieser Stadt geben beim Quintett von Andreas Dombert den Ton an. Dort trifft eine scheinbar puristische Jazzgitarre auf elektronisches Abenteurertum; Schlagzeug, Bass und Saxofon sichern das Terrain im städtischen Dickicht des 33. Tonträgers der Jazz thing Next Generation.
Dombert's Urban Jazz - Chameleon

Zunächst das Interview mit dem Bandchef eingetütet. Wenig später eine Mail von Andreas Dombert: „Ich würde vorschlagen, das Interview zusammen mit Peter zu machen, da er die Elektronik macht und das Album mit mir zusammen koproduziert hat.“ Okay. Bei der anschließenden Telefonkonferenz ist zwar nicht immer gleich klar, welcher der beiden Bayern gerade an der Reihe ist – Dialekt ist Dialekt –, aber es schält sich schnell heraus, dass der Elektrofrickler Peter Sandner eine Art zweites Ich darstellt, einen musikalischen Zwilling und Gegenspieler zugleich.

Der eine reduziert sein Spiel mit einer elektrischen Gibson-Archtop, der klassischen Jazzgitarre per se, auf den Ton der reinen Lehre: Warm, voll, bauchig und unverzerrt wandert sein Plektrum über die Saiten. Reduziert auch auf klassische Stilistiken: Boppige Phrasen, bluesige Bendings erlaubt sich der Gitarrist, keine Ausflüge in avantgardistische Gefilde oder brachiale Donnerwetter wie beim Panzerballett, wo Dombert mal das Brett drosch. Oft reichen Wechsel zwischen zwei Akkorden für den harmonischen Hintergrund der Gitarrenmelodien.

Der andere bastelt mit Tönen, die er seinem Computer eingeflößt hat und mit dem Synthesizer hervorholt; von leisem Knistern und weißem Rauschen oder abstrakten Klangstrukturen über üppig verschwurbelte Soundscapes hin zu wuchtigen Explosionen, die den Raum zerfräsen. Während der eine seine Position aus der Reduktion bezieht, sorgt der andere für eine räumliche Dimension; beide beziehen im Spiel mit den Saiten oder den Reglern ihre Klänge aufeinander, beide improvisieren mit ihren Werkzeugen – ganz so wie auch live auf der Bühne.

„Wir haben uns im Frühjahr 2007 getroffen und ein Projekt entworfen, in dem wir Jazz und elektronische Musik zusammenbringen wollten. Live, beide Seiten sollten aktiv sein. Mit dem bloßen Abrufen von Loops vom Band wollten wir uns nicht zufrieden geben. Roland Spiegel vom Bayerischen Rundfunk kriegte davon Wind und wollte einen Radiomitschnitt machen. Gut, wenn das wirklich jemand hören will, dann machen wir das doch. Ackern wir mal einen Sommer lang und bringen unsere Musik dann auf die Bühne. So, wie wir unsere Songs damals gespielt haben, vor allem bei den ersten Gigs in Regensburg, so sind sie nun auch auf unserem Album zu hören.“

Peter, der sich aus unerfindlichen Gründen das Künstlerattribut „dorsch“ zugelegt hat, ergänzt:

„Natürlich haben wir in dem Zeitraum die Stücke verfeinert, aus unserer Sicht verbessert, auf den Punkt gebracht. Es ist natürlich keine Live-Aufnahme, sondern es ist eine richtige ‚Produktion‘.“

Bis in kleine Details hinein, bis zum Tracklisting ist das erste Album von Dombert’s Urban Jazz durchdacht, sogar der Name der Band entspricht dem Konzept, das Dombert und Sandner entworfen haben. Bei Chameleon (DoubleMoon/Sunny-Moon) kommt die Zusammenarbeit zweier Musiker zum Tragen, die zwar in dieselbe Schule gingen, aber anschließend aus unterschiedlichen Quellen schöpften. Andreas:

„Wir haben uns in Straubing in der Schule kennen gelernt. Beide waren wir musikalisch unterwegs und beide hatten wir dieselbe Stellung zu Schule und Bandhaus. Das Bandhaus war für junge Musiker in dieser Kleinstadt der absolute Treffpunkt. Die Schule war Pflicht, das Bandhaus war Kür.“

Andreas absolvierte schließlich ein „richtiges“ Studium und ist diplomierter Gitarrist, Peter verschlug es in die alternative Elektronikszene und aus dem Münchner Untergrund heraus bastelte er obskure Platten. Für „Chameleon“ schrieb der Gitarrist die Kompositionen, der Elektroniker arrangierte sie. Jedes Mitglied der Band hat unter den elf Tracks des Albums eine Art Solostück, das in das darauf folgende Thema mündet.

„Das war auch die Idee des Bandnamens, die Idee von Urban Jazz. Unter all den großstädtischen Elementen mit hoher Dynamik, wo ganz viel passiert, findet sich immer ein kleiner idyllischer Platz – das ist dann die Stelle, wo etwa der von Bayern nach Köln gezogene Bassist Markus Schieferdecker seinen Platz bekommt.“

Das sanfte Stück heißt „Lauschen“ und leitet das turbulente „Pass“ ein, wo das Zuhören wortwörtlich eingefordert wird. Am Schlagzeug sitzt der vom Panzerballett und anderen stürmischen Fraktionen her bekannte Sebastian Lanser, der sich in einem Duo mit der Elektronik grandios schlägt. Lutz Häfner, Saxofonist mit atemberaubend langer Profi-Sessionliste, leitet mit seinem warmen Ton in das Finale des Albums ein. Auch die beiden Projektleiter haben – fast – ihre Solostationen, mit dem Ausrufezeichen auf Stationen. Sie stehen nicht für sich allein, sondern leiten und laden ein, raus aus der Idylle, mitten hinein in den Puls der großen Stadt. „Irgendwann haben wir gedacht, dass wir mit unserem Projekt richtig in 2010 angekommen sind – klar, wir gehören zur ‚next generation‘.“

Weiterführende Links
Andreas Dombert bei myspace
Dombert’s Urban Jazz (auf Peter Haffners Website)

Veröffentlicht am unter Next Generation
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