Madeleine Peyroux

Alte Helden, neue Helden

Die amerikanische Sängerin Madeleine Peyroux ist eine scheue Gestalt. Zuweilen verschwindet sie für längere Zeiträume, und selbst wenn man ihrer habhaft zu werden glaubt, gelingt es ihr immer wieder, sich zu entziehen und in sich selbst zurückzuziehen. Umso persönlicher werden ihre Alben. Ihre neue CD „Anthem“ (Decca/Universal) ist eine Reflexion der Gesellschaft durch ein Schleusensystem ihrer innersten Filter.

Madeleine Peyroux

In einer Zeit, in der wieder peinlich darauf geachtet wird, wer wann welche Hymne mitsingt und ob er dabei steht, kniet oder sich komplett enthält, ist es ein mutiges Unterfangen, ein Album „Anthem“ zu nennen. Madeleine Peyroux steht jedoch kaum im Verdacht patriotischer Ekstase. Mit „God bless America“ hat sie erklärtermaßen nichts zu schaffen. Die zurückhaltende Chanteuse findet ihre eigenen Übersetzungen.

„Für mich ist jeder Song eine Person mit seiner eigenen Story“, erklärt sie ihre Hymnensammlung. „Jeder Hörer kann seiner eigenen Interpretation folgen, aber am Ende laufen all diese Charaktere wohl auf mich selbst hinaus. Ich beziehe bewusst individuelle Standpunkte, um es dem Hörer zu erleichtern, sich auf meine Songs einzulassen.“

Kippfiguren

Wenn man die zwölf neuen Lieder des Albums unvoreingenommen hört, ergeben sie eine Kollektion eingängiger, selbstvergessener, fast fröhlicher Melodien. Achtet man genauer auf die Texte, kippen die meisten Lieder ins Gegenteil. Madeleine Peyroux ist eine feinsinnige Beobachterin ihrer Umgebung. Fast jeder Song behandelt ein gesellschaftliches, soziales oder politisches Thema. Je öfter man das Album hört, desto vehementer offenbaren sich die darin besungenen Konflikte. Es ist ihr wichtig, Themen anzusprechen, die ihr etwas bedeuten, und trotzdem zugängliche Musik zu machen.

„Speziell in traurigen und schwierigen Zeiten wie diesen möchte ich keine traurigen Songs singen. Wir brauchen Momente, die uns aufrichten. Zumindest geht es mir so. Ich brauche etwas, das mich aus meiner Depression rauszieht. Musik gehört zu den wenigen Kräften, die diese Fähigkeit haben. Ich hoffe, dass meine Hörer die Freude ebenso empfinden können wie die Traurigkeit, denn es geht darum, die Traurigkeit mittels Freude zu überwinden.“

In dieser Hinsicht pflegt Madeleine Peyroux einen sehr verantwortungsvollen Umgang mit ihren Songs. Sie will Stellung beziehen, ohne zu belehren. Der alten Symbole und Hymnen überdrüssig, rückt sie neue Statements und Haltungen in den Fokus. Angesichts aktueller Entwicklungen auf dem Globus bedauert sie, nicht mehr zur Lösung beisteuern zu können als ihre Lieder.

„Ich weiß nicht, wie ich für Menschen singen sollte, ohne zu berücksichtigen, dass sie durch einen Haufen Probleme gehen. Politik ist immer ein Teil der Kunst, weil wir ihr einfach nicht entrinnen können. Auf der anderen Seite muss ich deshalb nicht ausschließlich politisch sein. Egal worüber ich singe, die Politik ist sowieso schon da. Je persönlicher ich in meinen Liedern bin, desto stärker vermittelt sich ihr politischer Gehalt. Leider kann ich nicht über alles reden, was mir auf der Seele brennt. Jeden Tag gibt es in den News irgendeine Ansprache von Donald Trump, und jedes Mal denke ich, daraus sollte ich einen Song machen. Aber das geht natürlich nicht.“

Leonard Cohen und andere Superhelden

Seit ihrer letzten CD „Secular Hymns“ (2016) hat sich die Welt drastisch verändert. Madeleine Peyroux findet, dass die Kunst Chronisten braucht, die diese Veränderungen in ihrer spezifischen Art und Weise dokumentieren. In der Vergangenheit fühlten sich Persönlichkeiten wie Bob Dylan oder Joni Mitchell für diese gesungenen Zeitbilder verantwortlich. Einer dieser Chronisten wuchs der Sängerin besonders ans Herz. Leonard Cohen ist nicht nur ihr großer Mentor, sondern von ihm stammt auch der Titelsong des Albums. Von dem Kanadier lernte sie nicht zuletzt, ganz unterschiedliche Schichten von Hörern intellektuell wie auch emotional abzuholen.

„Musik hat die Kraft, viele Menschen zu vereinen, die andernfalls niemals vereint wären. Früher dachte ich immer, Musiker wären Pazifisten. Deshalb wollte ich Musikerin werden. Leonard Cohen war für mich ein brutal ehrlicher Poet, der auch von entwaffnender Selbstehrlichkeit war. Er kannte sich, wie kaum ein anderer sich kennt. Das mag ein sehr buddhistischer Standpunkt sein, aber mystische Poeten haben in allen Religionen dieses feinfühlige Selbstbewusstsein an den Tag gelegt. Der Song ‚Anthem‘ macht alles Politische persönlich. Es ist ein Lied über die Regierung und die Hierarchie der Macht. Aber wenn man jede einzelne Zeile separat hört, verwandelt es sich in eine intime, persönliche Erfahrung. Hören ist überhaupt eine recht einsame Wahrnehmung. Man kann das Empfinden von Klang nicht teilen. Aber wenn Leonard Cohen sagt: ‚There is a crack in everything, that’s how the light gets in‘, dann ist das einfach sehr beruhigend.“

Der Song, der sich an Cohens „Anthem“ anschließt, ist „All My Heroes“, eine Hymne über Helden. Pathetischer mag es kaum gehen, aber die Heldenbilder haben sich in den letzten Jahren verändert. In Kinos und auf Streamingportalen jagt ein Superhero den nächsten. Wozu also brauchen wir noch Helden?

„Die besten Helden sind immer Menschen. Sie zeigen uns, dass man nicht perfekt sein muss, um etwas zu erreichen. Ich habe mein ganzes Leben lang einen Weg gesucht, das zu akzeptieren. Ich möchte nicht die positive Botschaft meiner Helden reduzieren, nur weil sie auch Fehler gemacht haben, sondern finde es gerade wundervoll, dass diese Menschen trotz ihrer Fehlbarkeit Helden sein konnten.“

In ihrer Verehrung für Heroen wie Cohen rückt sie noch ein weiteres Stück von dem Hintergrund ab, aus dem sie ursprünglich einmal kam. Über „Anthem“ weht zwar ein leichter Hauch von Jazz, aber der holistische Rundumschlag der zwölf Songs hat insgesamt nur noch wenig mit Jazz zu tun.

„Nein, das ist keine Jazzplatte, aber ich habe noch nie eine Jazzplatte gemacht“, grenzt sie sich ab. „Ich glaube, das Wort Jazz war zu keiner Zeit besonders stark, aber inzwischen hat es jegliche Bedeutung verloren. Es kam zu einer Zeit auf, als die schwarze Kultur Amerikas nicht respektiert wurde. Dann hat der Jazz sich weiterentwickelt und wurde in den 1950er- und -‘60er Jahren zur politischen Kraft. Kurz darauf hat er seine politische Wirkung wieder verloren. Ich persönlich bin vom großen Können der meisten Jazzmusiker beeindruckt. Aber wir verbinden mit dem Wort Jazz immer noch das Versprechen besagter Energie, das in der aktuellen Musik unter diesem Begriff längst nicht mehr eingelöst wird. Jazz kann heute alles Mögliche sein. Im Grunde ist es nur ein dummes Wort, das für nichts mehr steht.“

Text
Wolf Kampmann

Veröffentlicht am unter 125, Feature, Heft

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