Lucas Santtana

Himmel oder Hölle

Die Verheißung eines Paradieses mitten im Untergang – so kommt das neue Opus von Lucas Santtana daher. Von platter Wellness-akustik ist es aber weit entfernt: Das Erbe des Tropicalismo und politisch-ökologisches Engagement sind die Triebfedern.

Lucas Santtana (Foto: Jerome Witz)

Krieg in Europa. Ein gescheiterter Klimagipfel. Irre Greise, die auf die Frauen ihres Volkes schießen lassen. Und der Sport? Hat die Menschenrechte zu Grabe getragen. Das ist die Welt am Ende des Jahres 2022. Und mitten in dieser Stimmung landet ein Album auf dem Tisch, dessen Cover mit zarten pflanzlichen Tupfern garniert ist und dessen Musik genauso feingliedrig und ausdifferenziert Elektronik mit Akustik vermählt. Sein Name: „O Paraíso“ (NoFormat/Indigo), das Paradies. Ist so ein Titel gerade jetzt nicht blanker Hohn? Doch der Schöpfer dieses Werks kommt aus einer der raren Weltgegenden, in denen gerade ein bisschen Licht am Horizont durchbricht. Er ist durch vier Jahre Hölle der Bolsonaro-Herrschaft gegangen. Jetzt, nachdem Lula da Silva die Präsidentschaftswahl erneut für sich entschieden hat, keimt Optimismus in Lucas Santtana:

„Zum ersten Mal in der 500-jährigen Geschichte Brasiliens werden wir eine Ministerin für Indigene Völker haben, Sônia Guajajara. Außerdem sind am Tag nach Lulas Wiederwahl die Zahlungen in den Amazonas-Fonds wieder in Kraft gesetzt worden, die während Bolsonaros Amtszeit gestoppt wurden. Die Zeichen stehen auf Veränderung, aber natürlich müssen wir als Gesellschaft weiterhin Druck ausüben.“

Santtana setzt Hoffnung darauf, dass die korrupte Administration des Vorgängers vor Gericht kommt. Dass Bolsonaro und seine ‚Zuarbeiter‘ überhaupt so wüten konnten, führt er darauf zurück, dass Brasilien als einziges Land Südamerikas nie die Verbrechen der Militärdiktatur aufgeklärt hat. Lula, so meint Santtana, könne die enorme Polarisierung des Landes nicht beenden. Doch in gewisser Weise hat die brasilianische Kultur ja immer von Polarisierungen gelebt, die sich in der Musik als stilistische Brüche befruchten. So bleibt die Spannung hoch, und davon lebt auch „O Paraíso“:

„Der Grundcharakter meiner Musik ist gerade dieses Blurring von Akustik und Elektronik“, stellt Santtana klar und zweigt dann in die Biologie ab: „Gerade habe ich etwas Interessantes über den Pilz Physarum polycephalum gelesen: In Tokio haben sie sich durch seine Vernetzungsmuster inspirieren lassen, das U-Bahn-System zu verbessern. Das ist doch der Beweis, dass Natur und Technik voneinander profitieren können.“

So wie das in seinen neuen Kompositionen geschieht, die in Paris eingespielt wurden, auf Wunsch seiner dort beheimateten Plattenfirma, mit Musikern, die, so sagt Santtana, alle multistilistisch unterwegs sind, mit einem offenen, kreativen Geist. Der spiegelt sich dann etwa in einem Song wie „Muita Pose, Pouca Yoga“ (viel Pose, wenig Yoga) wider, wo er mokante Kommentare über die Instagraminszenierungen der Jugend zu einer Kombi aus Pop-Keyboards und Samba-Groove setzt. Dafür hat er Sprüche aus provokanten Plakataktionen des Straßenkünstlers Daniel Lisboa verwendet. In „Vamos Ficar Na Terra“ wettstreiten Reggae und der nordöstliche Xote-Rhythmus mit der Elektronik – und all das dient zu einer beißenden Kritik am Menschenverächter Elon Musk, der zum Mars strebt, anstatt vernünftige Lebensbedingungen auf dem Heimatplaneten zu schaffen. Und in „What’s Life“ finden sich Synthesizer und ein Verweis an Kraftwerks „Roboter“ zu einem Pagodão-Rhythmus aus Salvador da Bahia.

„Meine zentrale Frage auf diesem Album über das Leben auf unserem Planeten ist: Wollen wir Maschinen sein oder Natur? Bei aller Begeisterung für künstliche Intelligenz, die gerade in der Luft liegt: Ich setzte für unsere Zukunft auf die Natur, auf das Wissen der Vorfahren. Nur dann werden wir eine Chance aufs Überleben haben.“

Da ist es durchaus stimmig, dass Santtana auch an „The Fool On The Hill“ der Beatles andockt. Er macht das natürlich auf seine Weise, mit einer Mischung aus Samba-Reggae und kapverdischem Funaná. Der Guru Maharishi, den das Original adressiert, wird bei ihm zum Schamanen der Naturvölker, der das Paradies, den Himmel auf Erden verwirklicht sieht, wenn man nur im Einklang mit der Umgebung leben würde. Noch immer wird der „Verrückte“ von vielen dafür verspottet, dass er das Offensichtliche längst erkannt hat. Lucas Santtana sitzt neben ihm auf dem Hügel, verstärkt seine Stimme mit feiner elektroakustischer Mahnung. Und man könnte, anknüpfend an den bekannten Spruch „Gott ist Brasilianer“, auch sagen: Die Hoffnung, sie ist Brasilianerin. Zumindest für den Moment.

Text
Stefan Franzen
Foto
Jérome Witz

Veröffentlicht am unter 147, Feature, Heft

Michael Wollny