Eine Frage der Verfügbarkeit

Jazz und Social Media

Auch Deutschland ist von der „digitalen Revolution“ erfasst worden. Beinahe jeder Lebensbereich wird in ihren Mahlstrom gezogen, der das Unterste zuoberst kehrt. Das haben wir zum Anlass genommen, die Auswirkungen von Social Media und Web 4.0 auf die zeitgenössische Jazzszene diskutieren zu lassen. Unser Redakteur Martin Laurentius hat zugehört.

Ursprünglich sollte die vierköpfige Runde auf der jazzahead! in Bremen darüber sprechen, wie die mittlerweile vielfältigen Formen und Formate der digitalen Welt in eine moderne, zeitgemäße Jazzberichterstattung integriert werden könnten. Doch die ungeheure Dynamik der „digitalen Revolution“ machte auch nicht vor den vier Gesprächspartnern halt und lenkte die Diskussion in immer wieder neue Richtungen. Auch das führt vor Augen, wie grundlegend und massiv die Veränderungen durch die „digitale Revolution“ doch sind – auch und gerade für den Jazz.

Jan Paersch, Tinka Koch, Andreas Müller, Stefanie Marcus (Foto: Ralf Dombrowski)Roundtable-Teilnehmer: Jan Paersch, Tinka Koch, Andreas Müller, Stefanie Marcus

Seit 1. Januar 2019 ist Tinka Koch Jazzredakteurin bei WDR3. Koch, die zuvor als freie Mitarbeiterin für die Jazzredaktion des Kölner Kulturradios und später als festangestellte Redakteurin für die WDR-Global-Pop-Welle Cosmo gearbeitet hat, muss nun das neue Konzept der „WDR3 Jazz & World“-Sendungen umsetzen. Nach Willen der WDR-3-Wellenleitung sind die monothematischen Autorensendungen durch ein Musiklisten-basiertes Konzept ersetzt worden, präsentiert von vier Moderatoren im Wochenwechsel. Koch: „WDR3 hat mit einem Hörer männlichen Geschlechts von durchschnittlich 56 Jahren zu tun.“

Seit 1993 leitet Stefanie Marcus das Label Traumton Records in Berlin, das aus dem gleichnamigen Tonstudio und Verlag hervorgegangen ist. Der Katalog ihres Labels ist stilistisch breit aufgestellt und umfasst Veröffentlichungen von Erika Stucky über Jorge Degas bis hin zu Shake Stew. Sie war im Vorstand der „Jazz & World Partners“ und ist nach deren Auflösung Sprecherin der gleichnamigen Fachgruppe im Verband unabhängiger Musikunternehmen. Marcus: „Ich bin auf Social-Media-Kanälen unterwegs, aber kein Fan davon, weil ich das auch als soziale Kontrolle empfinde.“

Seit 30 Jahren macht Andreas Müller in Berlin Radio. Als Moderator, Autor und Rezensent ist Müller, der bis 1994 auch als Musiker auftrat, zumeist im Deutschlandfunk Kultur zu hören, wo er für Sendungen wie „Tonart“ tätig ist. Zudem schreibt er für diverse Magazine und den Berliner Tagesspiegel. Müller: „Ich bin Moderator für Sendungen, die sich Musikmagazine nennen und viel von uns und den Hörern abverlangen: lange Interviews jeden Tag, plus ein Künstler, der live im Studio auftritt.“

Jan Paersch, der Amerikanistik studiert hat, ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt unter anderem für die taz oder das Interviewmagazin Galore, ist aber auch Autor für Jazz thing. Seit 1. Dezember vergangenes Jahr ist er im Redaktionsteam des Blogs JazzMoves Hamburg, das über das Jazzleben in der Hansestadt berichtet – mit Konzertankündigungen oder Porträts in Textform, aber auch über Social-Media-Kanäle mit Audio- und Video-Podcasts. Paersch: „Für uns ist diese Form der Berichterstattung auch neu; das heißt, wir probieren viel rum und toben uns aus.“


Andreas Müller: Kennt noch jemand den Film „Silent Running – Lautlos im Weltall“? So fühle ich mich momentan: wie in einem Raumschiff mit Bäumchen in einer künstlichen Miniwelt. Um mich herum sitzen meine Hörerinnen und Hörer, vielleicht 500.000. Und so schweben wir gemeinsam ins Weltall – und in zehn oder 15 Jahren ist der Sauerstoff verbraucht. Für uns „alte“ Medien sehe ich momentan keine Möglichkeit, um eine jüngere Leser- oder Hörerschaft zu generieren. Jedenfalls nicht mittelfristig. Aber ich arbeite hin und wieder mit Praktikanten zusammen, die so um die Mitte 20 sind – aber tausendmal besser ausgebildet, als ich es im gleichen Alter war. Die frage ich öfters, was sie vom Radio erwarten, einem Medium, das doch bekanntermaßen so gut wie tot ist. Deren Antwort überrascht auf den ersten Blick: „Radio machen ist super.“ Die finden es klasse, wenn ihnen jemand im Rundfunk etwas erzählt. Andererseits bekomme ich mit, wie sich zum Beispiel hinter mir an der Kasse im Supermarkt zwei junge Mädels flüsternd darüber unterhalten, was sie sich gerade downgeloadet haben. Und ich stelle fest: Die sprechen gar nicht über eine Fernsehsendung von gestern Abend; nein, die reden über Podcasts. Ich bin überzeugt (auch wenn es nur auf meiner eigenen Erfahrung basiert), dass heutzutage eine junge Generation am Start ist, die medial mit vielem, was uns Älteren noch wichtig war, abgeschlossen hat. Nur: Wie will man deren Medienverhalten valide messen?

Stefanie Marcus, Andreas Müller (Foto: Ralf Dombrowski)

Jan Paersch: Vielleicht kann man es nicht messen. Aber man kann es an den Klickzahlen sehen. Es ist doch irre, wie viele Klicks zum Beispiel Jan Böhmermann und Oli Schulz mit ihrem Podcast „Fest & Flauschig“ jede Woche generieren.

Andreas Müller: Der erfolgreichste Podcast überhaupt ist „Die Lage der Nation“. Wenn der am Samstagvormittag online geht, wird er direkt 100.000-mal heruntergeladen. Ein Podcast, in dem rund anderthalb Stunden nur geredet wird – und das ohne eine erkennbare Dramaturgie, aber: mit Autorität.

Jan Paersch: Das hat mit der Wiedererkennbarkeit zu tun. Der typische Podcast-Hörer möchte, dass ihm jemand etwas erzählt – und dieser Jemand muss jedes Mal derselbe sein.

Tinka Koch: Ich möchte noch mal einen Schritt zurückgehen. Auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht es bei dieser Podcast-Frage um Auffindbarkeit. Wenn ich einen Podcast für WDR3 mache, möchte ich mit anderen Podcast-Angeboten konkurrieren können und dort auffindbar sein, wo es wichtig ist: Podcast-Apps, Spotify etc. pp. Aber der WDR tut sich meines Erachtens nach schwer damit, diese Plattformen nicht als Konkurrenz, sondern als Chance zu begreifen.

Egal, ob Hörfunk, online oder Print: Muss man seine Social-Media-Angebote gezielt an den Stellen platzieren, wo sich die meisten User aufhalten?

Andreas Müller: Was man natürlich braucht, ist ein hervorragendes Produkt. Wenn man das nicht hat, kann man sich positionieren, wo man will: hier einen YouTube-Channel aufmachen, dort eine Instagram-Seite starten. Denn auch für Social Media gilt: User lassen sich nicht für dumm verkaufen. Das trifft vor allem für diejenigen zu, die sich überhaupt noch für uns interessieren. Denen geht es tatsächlich noch immer um Qualität.

Stefanie Marcus: Einschaltquoten, Klickzahlen und so weiter sagen doch überhaupt nichts über die Qualität von Podcasts aus. Erinnert sich heute noch jemand an Myspace? Das wurde von einem Tag auf den anderen ausgeknipst. Das ist noch gar nicht so lange her, vielleicht fünf oder sechs Jahre. Darum begreife ich nicht, warum wir so über Plattformen wie Facebook oder Instagram sprechen, als wären diese für die Ewigkeit bestimmt.

Andreas Müller: Mit Jazz und improvisierter Musik gehören wir zu den „Five Percenters“ – also zu einer Gruppe mit Usern, die sich überhaupt noch für kulturelle Themen interessieren. Und innerhalb dieser fünf Prozent sind wir dann auch noch mit Jazz eine Minderheit. Deshalb erübrigt sich für uns die Frage nach Einschaltquote oder Erfolg, damit haben wir nichts zu tun.

Unabhängig von der Zukunftsfähigkeit von Spotify, Facebook und Co.: Reichweite und Bedeutung von Streaming als Medium zum Musikhören nehmen immer mehr zu. Das zeigen nicht nur die Umsatzzahlen, die der Bundesverband Musikindustrie für 2018 in diesem Segment ermittelt hat. Müssen wir Medienvertreter, aber auch die Tonträgerfirmen und Musiker uns nicht noch mehr mit dieser neuen Form des Musikhörens beschäftigen und auch der Frage nachgehen, was sich mit diesem Format alles anstellen lässt?

Andreas Müller: In Norwegen machen Streamings 90 Prozent des Musikmarktes aus, in Dänemark sogar 100 Prozent. Das hat dazu geführt, dass zum Beispiel dänische Bands seit einigen Jahren nicht mehr oft in Deutschland auftreten, weil sie hier nicht mehr zu hören sind – es gibt keine physischen Tonträger. Deutschland ist viel größer als die skandinavischen Länder, hier leben viel mehr Menschen als dort. Deshalb dauert es auch länger, bis sich hierzulande Streaming durchsetzen wird.

Stefanie Marcus: Das Zauberwort in dem Zusammenhang heißt: „Verfügbarkeit“. Wir haben doch bislang noch nicht einmal grundlegend analysiert, wie es zu dieser medialen Verschiebung kommen konnte. Wir haben auch nicht die politische Motivation hinterfragt, warum Spotify und andere so mächtig geworden sind, wieso das technisch so sehr gepusht wurde und warum es in Skandinavien begonnen hat. Man nimmt Spotify als Trend wahr. Warum das so ist, wissen wir gar nicht. Das Gravierende daran ist jedoch, dass diese neuen Formate nichts kosten dürfen. Dennoch gibt es Produktionskosten, auch Künstler müssen Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen. Eine reine Verfügbarkeit von Musik darf es deshalb nicht geben – außer, der Staat greift regulierend ein. Tatsächlich bin ich begeistert, dass es immer mehr Kulturförderung durch die öffentliche Hand gibt. Doch die Kehrseite davon ist, dass der übrige, in meinem Fall der Tonträgermarkt, zusammenbrechen wird. Das sind die Herausforderungen und Probleme, mit denen wir uns in Zukunft auseinanderzusetzen haben – auch im Jazz.

Tinka Koch: Egal, was ich in WDR3 als Veränderungen in Richtung Digitalisierung unternehme: Aus rechtlichen Gründen gehen in der Regel die Türen zu. Mit den alten, gewachsenen Strukturen der Öffentlich-Rechtlichen hatten Musiker durchaus sichere Einnahmequellen. Stand zum Beispiel ein Ü-Wagen vor einem Club, dann hat der Musiker auf der Bühne auch Geld verdient. Doch wo werden diese Verdienstmöglichkeiten für Musiker in der neuen, digitalen Welt sein? Ich habe viele Ideen, was die digitalen Formate betrifft – zum Beispiel, für die „WDR3 Jazz & World“-Sendungen einen eigenen Channel in der Mediathek einzurichten, wo man sie mit einem Klick als Dauerloop hören könnte. Und ich frage ketzerisch: Brauchen wir noch Ü-Wagen, um Konzerte mitzuschneiden, die dann zwei Stunden lang im Radio gesendet werden? Ist das überhaupt noch „state of the art“? Oder müsste ich mir nicht eher ein audiovisuelles Gesamtkonzept überlegen, mit einer eigenen Bildästhetik und neuen Ausspielwegen? Weil ich damit in WDR3 ständig an Grenzen stoße, bin ich überzeugt, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk dringend reformieren muss, um zukunftsfähig zu bleiben.

Jan Paersch: Die Fragen, warum wir für JazzMoves Hamburg von vornherein Social-Media-Komponenten in unser mediales Konzept eingebunden haben, ob wir damit ein anderes, jüngeres Publikum ansprechen oder aus der Blase der üblichen Jazzberichterstattung raustreten wollen, haben sich uns gar nicht gestellt. Unser Redaktionsteam ist so jung, dass Social Media der einzig mögliche Ansatz für uns war. Nimm zum Beispiel Sophie Wackerbauer, die unsere Instagram-Seite betreut: Für sie funktioniert JazzMoves nur damit. Oder Philip Püschel, der als Veranstalter genau weiß, über welche Wege das Publikum in die Clubs gezogen wird: über Social-Media-Kanäle. Doch die Mechanik und Struktur etwa von Facebook stehen dem oftmals entgegen: Werden Posts am Anfang noch häufig auf die Timeline gespielt, so nimmt das kurze Zeit später rapide ab. Weil wir uns mit JazzMoves auch als Sprachrohr der Hamburger Szene begreifen, werden wir durch die Hamburger Kulturbehörde finanziell gefördert.

Ist es so, dass die Zukunft der Medien, der Plattenfirmen und der Musiker – also der Jazzszene im Ganzen – nur durch eine Förderung der öffentlichen Hand sichergestellt wird?

Andreas Müller: Zurzeit wird viel mehr Geld mit Musik verdient als noch vor ein paar Jahren nach der großen Krise – unter anderem durch die Bezahlabos von Spotify. Der Niedergang des Indie-Rock eröffnet dem Jazz wiederum neue Chancen. Ich kann natürlich nur für Berlin sprechen, wo in den Clubs mittlerweile haufenweise Jazz zu hören ist – und das Publikum dorthin geht. Jazzmusiker können sich ordentlich benehmen, sind froh zu spielen und bekommen die gleichen Gagen wie früher die Indie-Musiker. Keine Unsummen, aber neue Verdienstmöglichkeiten für viele von ihnen. Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk scheint nicht in der Lage zu sein, entsprechende Impulse aufzugreifen und diese Entwicklung in seinem Programm abzubilden.

Tinka Koch: Aber noch ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Geld. Und weil zum Beispiel der WDR in einem grundlegenden Strukturwandel steckt, scheint der Zeitpunkt günstig zu sein, sich neu aufzustellen und digitale Veränderungen auf den Weg zu bringen.

Tinka Koch, Jan Paersch (Foto: Ralf Dombrowski)

Andreas Müller: Solange der öffentlich-rechtliche Rundfunk politisch gewollt ist, solange wird er auch durch den Rundfunkbeitrag finanziert. Wenn es aber irgendwann eine politische Situation im Land geben und darüber debattiert wird, den sogenannten „Zwangsbeitrag“ zu kürzen oder ganz zu streichen, dann wird es krachen. Die Öffentlich-Rechtlichen sind einfach nicht mehr konkurrenzfähig, um auf dem freien Markt bestehen zu können, weil sie zu teuer sind.

Stefanie Marcus: Die Situation in anderen Bereichen ist doch ähnlich. Das Gros der Jazzmusiker wird beispielsweise an einer der Jazzabteilungen der Musikhochschulen ausgebildet, die vom Staat finanziert werden. Aber nach dem Studium haben sie in der Regel so gut wie keine Arbeitsmöglichkeiten. Man tritt in Clubs auf, lässt den Hut rumgehen und teilt am Schluss vielleicht 97 Euro untereinander auf.

Andreas Müller: Aber das ist doch deren Entscheidung.

Stefanie Marcus: Richtig. Aber der Staat hat ihre Ausbildung bezahlt.

Jan Paersch: Wer weiß, wie lange Jazzmusiker überhaupt noch auf die klassischen Medien angewiesen sind. Die bekommen doch auch mit, wie es anderswo funktioniert – etwa im HipHop, wo Instagram-Follower in siebenstelliger Höhe fast schon normal sind. Rapper haben die Presse in der Tat nicht mehr nötig – wozu auch?

Stefanie Marcus: Tatsächlich müssen wir uns im Jazz wieder mehr als Community begreifen. Der überhöhte Individualismus unserer Zeit ist nicht unproblematisch. Im besten Fall ist es doch so, einen – wenn auch virtuellen – Ort zu finden, wo Musiker mit ihrem Publikum zusammenkommen. Das war früher doch nicht anders. Nimm die Knitting Factory in New York als Beispiel, die vor vielleicht 15, 20 Jahren von einer kleinen Community heraus weltweit erfolgreich agiert hatte. Oder das Donau 115, das mittlerweile in jedem Fremdenführer über Berlin als Hotspot für zeitgenössischen Jazz beschrieben wird.

Andreas Müller: Das lineare Denken und Handeln, das früher auch die Jazzszene gelenkt und geleitet hat, ist gestorben. Das läuft doch heutzutage ganz anders. Brauchen wir noch Vermittler zwischen Musikern und Hörern, wenn es Social Media gibt? Brauchen wir noch Print- oder Onlinemagazine, wenn es YouTube gibt? Brauchen wir noch YouTube, wenn es diese vielen Magazine gibt? Brauchen wir noch Interviews im Radio, wenn es Fanseiten von Musikern auf Facebook gibt? Tatsache ist, dass mediales Arbeiten nur noch vernetzt funktioniert, um vom Publikum überhaupt wahrgenommen zu werden. In der Zeitung liest man beispielsweise eine Ankündigung für ein Konzert, dann sieht man das Plakat. Gleichzeitig postet die Band XY auf Facebook: „Übrigens, wir treten heute Abend in diesem oder jenen Club auf.“ Dann fällt bei einem der Groschen: „Aha, die sind das.“ Wenn das Publikum Teil der vernetzten Communities ist, dann läuft das passabel. Die Zeiten aber, in denen Kulturschaffende sogenannte „Gatekeeper“ waren und die Deutungshoheit für sich reklamierten, die sind endgültig vorbei.

Text
Martin Laurentius
Foto
Ralf Dombrowski

Veröffentlicht am unter 129, Feature, Heft