Joyce Moreno

Tief durchatmen!

Vier Jahre nach dem spektakulären Release einer unveröffentlichten Session mit Claus Ogerman meldet sich die unermüdliche Joyce Moreno zurück. Mit frischen Gesichtern in der Horn Section, prominentem Gast und einem neuaufgelegten Klassiker hat sie „Never Too Soon“ (Far Out/Indigo) am Start, Europatournee im November inklusive.

Joyce Moreno (Foto: Elisa Maciel

„Longevity“ ist das Schlagwort der Stunde. Mit Fitnessprogrammen und Medikamenten versprechen KI-Agenten die Bereitstellung ewiger Jugend und wollen dafür unsere Konten plündern. Denn reif werden oder gar alt aussehen ist uncool. Auch vor Brasilien macht die Altersdiskriminierung nicht halt, obwohl es gerade dort viele Menschen gibt, die in Würde zum Methusalem werden. „Wenn jemand aus meiner Generation sagt: „Es ist nie zu früh‘ – oder eben auch „nie zu spät‘ –, ist das meiner Meinung nach ein sehr starkes Statement“, so die 78-jährige Joyce Moreno zum Albumtitel. „Aber auch ganz allgemein betrachtet: Wenn man darüber nachdenkt, in welch eigenartige Richtung sich die Welt bewegt, mit den seltsamen Menschen, die an der Macht sind, könnte man zum Schluss kommen, dass es vielleicht schon zu spät ist. Was gerade bei euch in Deutschland passiert, macht mir Angst, denn ich habe dort Familie. Ich meine aber: Es ist nie zu früh, damit zu beginnen, Dinge zu verändern.“

Diese Carpe-diem-Philosophie beherzigt sie beispielhaft: Joyce Moreno ist weiter auf den Bühnen der Welt unterwegs, spielt fast jedes Jahr eine neue Platte ein, zuletzt das nur in Brasilien erschienene „O Mar É Mulher“ (Biscoito Fino), eine Widmung an die Weiblichkeit in Zeiten zunehmender Misogynie. Und nun also „Never Too Soon“, ein knackiges 35-Minuten-Werk mit exzellenter Band, in der – natürlich – ihr Ehemann Tutty Moreno an den Drums wirbelt, long time companion Jorge Helder den Bass und Lula Galvão die E-Gitarre übernehmen. Eine Bläserriege um die Koryphäen Teco Cardoso an den Flöten und dem Klarinettisten Nailor Proveta ergänzt, sie wird zudem mit neuen Gesichtern aus São Paulo bereichert, wie dem Trompeter José Arimatéa, der einem Miles-Davis-Ton huldigt.

Die Arrangements begeistern mit einer Fülle ungewöhnlicher Ideen: Im Titelstück gibt es ein James-Brown-Riff, auf das eine Talking Drum trifft. „Luanda“ ist eine Widmung an das „riesige kulturelle Erbe“ Afrikas in der brasilianischen Musik, gestaltet mit wunderbarem Scat, den Joyce nach wie vor mit ihrer ganz eigenen Vollmundigkeit ausreizt.

Und in „Respira Fundo“ gleitet ein kantiger Partido-Alto-Rhythmus in einen karnevalesken Samba samt Chor hinein. „Der Titel übersetzt sich mit „Tief durchatmen!‘“, so Joyce. „Wenn der Chor einsetzt, ist die Stimmung ziemlich angespannt, will heißen: Wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben, ob es überhaupt noch eine Welt geben wird. Doch am Ende packt es der Chor: Er ist die Kraft, die uns Menschen vereint, er ist wie eine Karawane, die aufbricht.“

Mit dem Gitarristen Toninho Horta hat Moreno einen Seelenverwandten ins Boot geholt, mit dem sie seit 60 Jahren vertraut ist. „Toninho ist wie ein Bruder, ich kenne ihn, seit wir beide 1967 als Achtzehnjährige beim Songwettbewerb in Rio aufgetreten sind, wo unsere Karrieren begonnen haben. In den 1990ern haben wir drei Wochen lang eine gemeinsame Konzertreihe gegeben. Wir sind also seit Langem eingespielt“, lacht sie.

Ohne Zweifel gibt es noch einen weiteren Star auf dem Album, in Gestalt ihres Klassikers „Aldeia De Ogum“ von 1980, gewidmet einem wunderbaren Häuschen am Meer in Bahia, das sie damals mit Tutty Moreno bewohnte. Das Stück trug wesentlich zu ihrem Durchbruch in der Rare-Groove-Gemeinde bei. Also schlug Far-Out-Chef Joe Davis vor, es nochmals aufzugreifen. „Ich dachte mir gleich, wenn Nailor Proveta ein neues Arrangement schreibt, wird das einen frischen Klang geben. Und so ist es: Mit den Bläsern hat es eine unglaublich feine Nuance bekommen, das Gegenteil von einem Bigband-Sound.“

Im Auslauf wartet dann mit „4:08″ noch eine Überraschung: Joyces musikalische Umsetzung der senilen Bettflucht, eine Hommage an alle Schlaflosen. „Nein, das ist nicht autobiografisch“, stellt sie klar. „Ich habe einen guten Schlaf. Der Text kommt von meiner Freundin Robin Meloy Goldsby, einer US-amerikanischen Autorin, die in Köln lebt. Und die hat nachts auch als Lounge-Pianistin gearbeitet.“

Der gute Schlaf erklärt wohl auch, wie Joyce Moreno das hohe Pensum an Produktionen und Tourneen bewältigt. Ab dem 2. November 2026 ist sie wieder in Europa, wo sie in Genf – wie bei fantastischen Auftritten vor drei Jahren – zusammen mit dem Gitarristen Louis Matute auf der Bühne steht. Danach geht es weiter über den ganzen Kontinent. Besuchen Sie Europa, solange es noch geht. Es ist nie zu früh.

Text
Stefan Franzen
Foto
Elisa Maciel

Veröffentlicht am unter 166, Feature, Heft

Ingolstädter Jazztage