RIP: Christoph Stiefel

Christoph StiefelChristoph StiefelChristoph Stiefels zuletzt erschienenes Album heißt „To The Source“ (nWog/edel) und ist eine unbegleitete Klaviersoloaufnahme. Sicherlich, jemand, der die 60 überschritten hat wie der Zürcher Pianist, will es vielleicht noch einmal wissen. Vielleicht sucht er die Herausforderung, sich dem Unbekannten zu stellen, weil das unbegleitete Spiel auf dem Flügel vielen Pianist/-innen noch immer die Königsdisziplin zu sein scheint. Hört man die neun recht kurzen Solostücke von „To The Source“, spürt man sofort, dass das Stiefels Intention für dieses Soloalbum nicht gewesen ist. Seine Musik hat etwas Verspieltes, eine leise Wehmut weht durch jeden Ton und Klang – so als wolle es einen tief im Innern berühren. Es ist keine Musik, die einen anspringt. Vielmehr will sie sich durch die Hintertüre Zugang verschaffen, will einen vorsichtig an die Hand nehmen und in die Tiefe führen. Die neun Stücke klingen mit ihrem gleichermaßen orchestralen wie sakralen und anmutigen Tonfall beinahe wie die Quintessenz von Stiefels Schaffen als Pianist.

1961 in Zürich geboren, holte ihn sein Landsmann, der Harfenist Andreas Vollenweider, 1984 in seine Band. Mit ihm tourte Stiefel fünf Jahre lang durch die Welt, verdiente sich seine ersten Meriten als freigeistiger, feinsinniger Pianist. Doch Stiefel wollte mehr sein als nur Sideman. Schon früh sah er sich selbst als komponierenden Pianisten, schon damals suchte er nach Formen und Strukturen, die er als Rahmen nutzen konnte für seinen Wunsch nach der Freiheit im Zusammenspiel mit anderen. Musiker/-innen als Weggefährt/-innen hat Stiefel schon bald dafür gefunden: den Schlagzeuger Peter Erskine ebenso wie den Saxofonisten Charlie Mariano, den Trompeter Matthieu Michel, die Bassisten Dieter Ilg und Michel Benita oder die Vokalistin Lisette Spinnler.

Und Stiefel entdeckte die Isorhythmie für sich, eine mittelalterliche Satztechnik, bei der ein rhythmisches Pattern melodisch gleichberechtigt durch die Stimmen geführt wird. Mit der Isorhythmie hatte er eine Palette zur Hand, mit deren Möglichkeiten er den Flow einer freien Musik formen und strukturieren konnte, um so das Emotionale und Intuitive herauszustellen Das passte auf jede seiner Besetzungsgrößen: vom unbegleiteten Klaviersolospiel über das Jazzpiano-Trio bis hin zu Quintett- und Septettbesetzungen. Und mit der Isorhythmie bekam Stiefel durch Reduktion Tiefenschärfe in seine Musik, während diese ihm gleichzeitig durch das Orchestrale Introspektion ermöglichte. Mehr als 20 Alben unter eigenem Namen hat Stiefel realisiert, und als Professor für Klavier an der Hochschule Luzern gab er seit 2000 seine Erfahrungen an junge Musiker/-innen weiter. Wie gerade bekannt wurde, ist Christoph Stiefel am 24. Januar nach kurzer Krankheit in Zürich gestorben; viel zu jung: Er wurde nur 64 Jahre alt.

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Christoph Stiefel

Text
Martin Laurentius
Foto
Marco Zanoni

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