Reflections On The Autobiography Of An Ex-Colored Man
Giant Step Arts/giantsteparts.org
„Passing“ – der Terminus steht für Afroamerikaner, die sich wegen ihrer helleren Hautfarbe als weiß ausgeben, um dadurch Vorteile zu erlangen oder Diskriminierungen zu vermeiden. Menschen, die „passieren“, erhalten in der Regel besseren Zugang zu Bildung, Jobs oder Wohngegenden. Schon 1912 thematisierte James Weldon Johnson dies in einem Roman, 113 Jahre später hat Mark Turner dazu auf dem Non-Profit-Label Giant Steps Art ein faszinierendes Konzeptalbum eingespielt. Es ist vor allem ein persönliches Statement des Tenorsaxofonisten, weil seine eigene Mutter und die Großtanten genau das Gleiche taten. Mithilfe von Pianist David Virelles, Trompeter Jason Palmer, Bassist Matt Brewer sowie Drummer Nasheet Waits hangelt sich Turner penibel am Buch entlang. Dennoch gelingt ihm das Kunststück, keine programmatische Musik zu erschaffen. Aus zehn Sätzen, die zum Beispiel „New York“, „Europe“ oder „Identity Politics“ heißen, formt er eine fesselnde Suite, die das Intellektuelle und Intuitive gekonnt ausbalanciert. Kraftvoll, treibend, eindringlich und beharrlich – mit Turner als Vorleser und Virelles am Synthesizer, um damit auch Sun Ra ein Denkmal zu setzen.
Text
Reinhard Köchl
Ausgabe
, Jazz thing 161
Veröffentlicht am 15. Jan 2026 um 07:58 Uhr unter Reviews
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