Morgenland Festival: Programm komplett

Ensemble MusikfabrikEnsemble Musikfabrik
(Foto Janet Sinica)
20 Jahre lang war Michael Dreyer verantwortlich für das Programm vom Morgenland Festival in Osnabrück. In dieser Zeit ist ein Festival entstanden, das etwas Neues und Anderes unter den Musikfesten hierzulande darstellt. Mit seinen alljährlichen Programmen wollte Dreyer Grenzen überbrücken, manchmal auch ignorieren; die realen Grenzen zwischen Ländern ebenso wie die imaginären in unseren Köpfen, die verhindern, das Andere zu sehen oder zu hören. Spannendes ist dabei entstanden, das einem das Fremde oftmals zum Eigenen werden ließ. Vor allem holte Dreyer jährlich im Sommer Künstler/-innen nach Osnabrück, wie man sie anderswo in diesen Konstellationen nur selten erleben konnte. Seine Festivalausgaben stellten Musiken der Welt in den Fokus, aber boten keine Weltmusik. Es wurde oftmals zwar improvisiert, war aber niemals nur Jazz.

Daran will seine Nachfolgerin (Dreyer ist seit 2022 Manager der NDR Bigband) als künstlerische Leiterin, die 1983 in Teheran geborene, seit 2013 in Osnabrück lebende Klarinettistin und bildende Künstlerin Shabnam Parvaresh, mit ihrem Premierenprogramm in diesem Jahr vom 29. Mai bis 6. Juni anschließen und gleichzeitig ihre eigene Sicht auf die Kulturen der Welt offenlegen. „Morgenland“ ist für sie nicht nur eine geografische Zuschreibung. Vielmehr übersetzt Parvaresh diesen Begriff als „Land von Morgen“ und überführt ihn so in einen imaginären Resonanzraum, um es Künstler/-innen von überall her zu ermöglichen, mit ihren Arbeiten den Zustand der Welt um sie herum zu reflektieren.

Friedensschritte„Friedensschritte“
(Foto Parichehr Bijani)
„Stimmen der Diaspora“ hat Parvaresh als Motto für ihre erste Festivalausgabe ausgerufen. Gleich das Eröffnungskonzert am 29. Mai in der Osnabrücker Marienkirche zeigt, was sie darunter versteht, wenn zuerst der ägyptische Sänger Abdullah Miniawy mit den beiden französischen Posaunisten Robinson Khoury und Jules Boittin Musik als spirituelles Ritual erfahrbar macht, bevor sich die Vokalistin Ganavya mit ihrem Trio auf einen Sound einlässt, mit dem persönliche Erfahrungen als kollektive Performance verstanden wird. Auch das Festivalprojekt mit dem Kölner Ensemble Musikfabrik am 1. Juni greift das Motto auf, wenn es ein Programm mit Werken von Komponist/-innen wie zum Beispiel Farzia Fallah, Malika Kishino oder Mazyar Kashian spielt, um diverse Migrationserfahrungen erlebbar und die Suche nach klanglicher Identität hörbar zu machen.

Dann gibt es unter anderem Konzerte mit dem Quartett der türkischen Vokalistin und Cellistin Sanem Kalfa, dem Trio des Kamanche-Spielers Misagh Joolaee und der in Wien lebenden, iranischen Sängerin Golnar Shahyar, der palästinensischen Oudspielerin und Sängerin Kamilya Jubran im Duo mit der französischen Bassistin Sarah Murcia, dem Trio Avalanche Kaito mit einem selbst so genannten „grrriot_punk_noise“ sowie der ukrainisch-stämmigen Vokalistin Ganna mit technoiden Fassungen von Volksliedern ihrer Heimat. Zudem zeigt der Kunstraum hase29 bereits ab dem 8. Mai die Ausstellung „Widerstand – Von feinen Rissen und tiefen Erschütterungen“, während der iranische Choreograf Babak Radmehr „Friedenschritte“ als radikal-abstrakte Tanzperformance im Rahmen des Festivals aufführt. Den Kehraus mit tiefen Bässen und quirligen Beats liefert am 6. Juni das Projekt Ammar 808 um den in Dänemark lebenden, tunesischen Produzenten Sofyann Ben Youssef.

Weiterführende Links
Morgenland Festival

Text
Martin Laurentius
Foto
Janet Sinica; Parichehr Bijani

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