Berlin: XJAZZ! abgesagt

platzhalter_fotoDer Berliner Senat überfordert sich selbst. Anders gesagt: Statt zu fördern, ist die Berliner Senatskanzlei für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt offenbar eher eine Verhinderungseinrichtung. Das betrifft weniger die Bewilligung von Fördergeldern, als vielmehr die Bedingungen und letztlich Verweigerung der Auszahlung. Davon sind unterschiedlichste Bereiche des Berliner Kulturlebens betroffen. Und seit dem 8. März einmal mehr auch der Jazz. Da ließ der Berliner Musiker, Labelbetreiber und Festivalleiter Sebastian Studnitzky die Bombe platzen, dass er die für Mai geplante Ausgabe des seit 2014 stattfindenden XJAZZ! Festivals absagen muss, weil die Kulturverwaltung die im Dezember 2025 zugesagten Gelder im sechsstelligen Bereich wegen angeblich förderwidrigen Verhaltens nicht auszahlt. „Am 10. Februar 2026 teilte die Leitung der Kulturverwaltung dem Geschäftsführer mit, dass die Förderung 2026 nicht fließen werde“, heißt es in der XJAZZ!-Presseerklärung: „Ausschließlich mündlich. Eine schriftliche Begründung erfolgte nicht. Eine Rechtsbehelfsbelehrung erfolgte nicht. Die Entscheidung fiel, während sich das Festival bereits mitten in der Umsetzung befand.“

Der Hintergrund, sofern er sich überhaupt entwirren lässt, besteht darin, dass mit der Arbeit an einem Projekt – egal welcher Art – überhaupt erst begonnen werden darf, wenn die Fördergelder geflossen sind. Bei einem Festival von der Größenordnung des XJAZZ! Festivals mit mehr als 60 Acts ist es aber nicht möglich, erst wenige Wochen vor dem Start die Arbeit aufzunehmen. Das wissen auch die Entscheider in dem Augenblick, in dem sie die Förderung bewilligen.

Unmittelbar vor der Veröffentlichung der Presseerklärung äußerte sich Studnitzky gegenüber Jazz thing wie folgt: „Stand heute müssen wir das Festival für den Mai absagen. Ich habe der Verwaltung das Angebot gemacht, das Festival einmalig in den Herbst zu schieben. Dann hat sie Zeit, ihre Angelegenheiten zu prüfen, und wir können mit der Planung anfangen. Wenn eine Antwort auf diesen Vorschlag ausbleibt, müssen wir den Laden komplett schließen. Wir müssen Tickets zurückgeben, und die Einnahmen für den Vorverkauf bleiben aus. Wir haben schon ungefähr 50.000 Euro verbrannt. Das würde unsere Insolvenz bedeuten. Stimmt die Verwaltung sehr schnell der Verschiebung in den Herbst zu, bleibt zwar immer noch der finanzielle Schaden in besagter Höhe, aber dann können wir das Festival zumindest irgendwie am Leben halten. Das sind die beiden Optionen. Für den weiteren Fortgang habe ich derzeit keine belastbaren News.“

Neben den ausbleibenden Einnahmen durch den Vorverkauf schlagen auch Verbindlichkeiten gegenüber Clubs und Hotels zu Buche, die natürlich langfristig eingegangen werden müssen, um den reibungslosen Ablauf eines international eingebundenen Festivals überhaupt zu garantieren. Das Förderkonstrukt der Berliner Kulturpolitik ist auf alarmierende Weise von der Wirklichkeit des Berliner Kulturlebens abgekoppelt. Die Politik schmückt sich zwar gern mit dem Bestandsschutz der Berliner Kunst, doch wenn es um die Umsetzung geht, werden den Machern alle nur denkbaren Hürden in den Weg gelegt. Dahinter System zu vermuten, wäre zwar eine Unterstellung, und doch liegen derartige Schlussfolgerungen nahe.

In einem Brief an die Berliner Senatsverwaltung vom 2. März dieses Jahres konstatiert Studnitzy: „Im Gespräch am 10. Februar haben Sie in Aussicht gestellt, das Festival 2026 nicht zu fördern und stattdessen ab Sommer 2026 eine Förderung für 2027 vorzubereiten. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Verwaltung damit erstmals anerkennt, dass eine Förderung im Vorjahr des Festivals notwendig ist – eine Position, die wir seit Jahren vertreten.“

Das ist umso zynischer, als die Reputation eines Festivals von seiner Verlässlichkeit und Kontinuität abhängt. „Für die Verwaltung wäre das super, aber für alle anderen eben nicht“ so Studnitzky. „Man kann ja aber nicht die ganze Welt nach der Verwaltung ausrichten. Selbst die Verschiebung in den Herbst ist ja problematisch, denn dann machen wir im Oktober XJAZZ!, im November kommt das JazzFest und zwei Wochen später das rejazz Festival. Da all diese Festivals vom Senat gefördert werden, finden natürlich alle im Herbst statt. Niemand geht wie wir das Risiko ein, im Mai anzutreten. Dieser Termin ist optimal, aber aus bürokratischen Gründen müssen wir jetzt etwas machen, was kulturpolitisch überhaupt keinen Sinn ergibt.“

Viele Erfolgsgeschichten hat das Berliner Kulturleben nicht vorzuweisen, XJAZZ! ist eine der wenigen von internationaler Strahlkraft. Das Festival ist für den Jazz in Berlin und die weltweite Wahrnehmung der Berliner Jazzszene eine unverzichtbare Lebensader. Kommt sie zum Erliegen, hätte das unabsehbare Folgen, die nicht nur für das Festival selbst zum Tragen kämen.

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XJAZZ! Festival

Text
Wolf Kampmann

Veröffentlicht am unter News

jazzahead! 2026