Bezau Beatz 2020

RIP: McCoy Tyner

McCoy TynerMcCoy TynerWie man dem ständigen Alltagsdruck eines in New York lebenden Jazzmusikers entkommen könne, damit wenigstens für Momente mal Raum und Zeit für kreative Arbeit sei, fragt ein junger Afroamerikaner den letzten Überlebenden des John-Coltrane-Quartetts während einer Meisterklasse im New Yorker Jazzclub Blue Note. Der Pianist McCoy Tyner antwortet darauf mit einem kurzen Bericht über die Anfänge. Er war 17, als er mit Coltrane zu spielen begann, und alles habe sich nur um die Musik gedreht. Darum, neue Sounds zu kreieren und einen eigenen Stil. Das sei die Mission, die ihn nie mehr losgelassen habe, das „Coltrane College“, wie er es nannte. Coltrane habe immer nach neuen Ausdrucksformen in der Musik gesucht, zwischen den Sets und im Hotelzimmer, bis er vor Erschöpfung einschlief, und in den letzten zwei Jahren (Coltrane starb im Sommer 1967), habe er auch seine Konzerte für diese Suche genutzt, bis er so „far out „war, dass Tyner seine Rolle in der Band nicht mehr verstand.

Tyner wurde am 11. Dezember 1938 in Philadelphia geboren. Seine Mutter liebte Klaviermusik und kaufte ihm ein Piano. Sie ermöglichte ihm klassischen Klavierunterricht, und schon in jungen Jahren verabredete er sich mit dem Trompeter Lee Morgan zu gemeinsamen Sessions in den elterlichen Wohnungen. Im Schönheitssalon seiner Mutter traf sich Tyner mit seinen Freunden auch zum Jammen und Proben. Manchmal baute einer sein Schlagzeug direkt neben der Trockenhaube auf. Bereits im Alter von 15 Jahren trat Tyner mit Jazzbands auf, in seiner Heimatstadt Philadelphia lernte er auch Coltrane kennen. Damals spielte Tyner noch in Cal Masseys Band, „kein großer Trompeter aber ein guter Bandleader“. Massey war mit Coltrane befreundet und machte die beiden bekannt. Als Coltrane die Band von Miles Davis verlassen hatte, fragte er Tyner, ob er in seiner neuen Band spielen wolle. „Das war eine große Chance und eine ganz neue Welt für mich. John probierte ständig neue musikalische Dinge aus. Und ich lernte seine Kompositionen, ,Giant Steps‘ und ,Countdown‘, einfach große Musik.“

Tyner war bei vielen großen Aufnahmen Coltranes dabei, so auch bei „A Love Supreme“ aus dem Jahre 1964. Coltrane habe sehr viel experimentiert, das sei ein ganz besonderer Zugang zur Musik gewesen. Er schrieb Stücke, die an die Grenze dessen gingen, wozu seine Musiker in der Lage waren. Ab 1966 trat Tyner dann zunehmend als Solist und Bandleader auf, 1967 erschien sein richtungsweisendes Album „The Real McCoy“ mit Joe Henderson, Ron Carter und Elvin Jones. „Meine Kompositionen ‚Four By Five‘, ‚Blues On The Corner‘ und ‚Passion Dance‘ sind Stücke, die dann mein weiteres Leben begleitet haben. Coltrane mochte die Avantgarde. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich in diesem Feld spielen wollte. Es gab zu der Zeit sehr viele Bands, die im Avantgarde-Segment spielten, das klang für mich nicht neu. Ich wollte meine Musik spielen, ich liebte und liebe Standards, Songs und Melodien. Cecil Taylor hatte den freien Stil damals schon perfektioniert und sich einen Namen gemacht. Ich wurde da eigentlich nicht gebraucht“, sagte Tyner mir in einem seiner seltenen Interviews.

Tyner wohnte lange an der Lower East Side Manhattans. In seinem Apartment hatte er ein E-Piano, zum Üben und Proben ging er häufig in die Steinway-Filiale in seiner Nachbarschaft. Für ihn war Art Tatum der große Virtuose des Jazzklaviers. Seine Artikulation sei phänomenal gewesen. „Tatum war der Gigant des Solo-Piano-Spiels, er klang wie ein ganzes Orchester. Er stammte noch aus der Stride-Piano-Tradition, als der Pianist zugleich die Rolle des Schlagzeugers und des Bassisten übernahm. Bei mir war es später anders. Ich entwickelte ein eigenes harmonisches Konzept und blieb dabei. Heute höre ich, dass es viele Pianisten beeinflusst hat. In einer Zeit, wo es schwer geworden ist, sich von anderen zu unterscheiden, habe ich schon einiges erreicht.“ Der Pianist liebte Balladen wie „I should care“ und „For all we know“ vor allem wegen ihrer Melodien, doch meist spielte er seine eigenen Kompositionen. Die Suche nach dem Neuen war aus seiner Sicht kein dringendes Ziel mehr. Am 6. März ist der Gigant des Jazzpianos, Alfred McCoy Tyner, in New Jersey gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.
Text Christian Broecking

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McCoy Tyner

Text
Christian Broecking, Stefan Franzen & Martin Laurentius

Foto
Arne Reimer

Veröffentlicht am unter News