Jan Dintheer

Längsgeteilte Dringlichkeit

Beim Komponieren lässt er sich schon mal vom Poker oder von Autobahnplanungen inspirieren. Im Interview spricht der schweizerische Komponis.Jan Dintheer über sein Debütalbum, zellulare Kompositionstechniken und auditive Illusionen.

Jan Dintheer Large Ensemble Tiger's Den (Cover)

Tiger’s Den“ – Tigerhöhle war das erste Stück, das der schweizerische Komponist Jan Dintheer für sein 19-köpfiges Large Ensemble schrieb, während seiner Masterstudienzeit an der Hochschule für Musik in Bern 2021 – noch vorsichtig tastend, wie das Stück selbst. Über ein Jahr habe er daran geschrieben, erzählt er im Interview. Es ist das Titelstück seines Debütalbums, das als Vol. 111 in der Reihe „Jazz thing Next Generation“ erscheint (Double Moon Records/H‘Art).

„Die Geschichte hinter diesem Stück“, so Dintheer, „ist die Vorstellung, dass man sich überwindet, in die Höhle hineinzugehen. Durch das Stück hindurch muss man immer wieder seinen Mut zusammennehmen, irgendwo in einen neuen Winkel hineinzugehen. Dort entdeckt man dann verschiedene Dinge und Geschöpfe.“

Dieses Bild habe er seinem Ensemble auch für die Improvisationsräume gegeben. Entstanden ist ein langsames, vorsichtiges Erkunden der diffusen Dunkelheit, in der sich die Umrisse des Höhleninneren erst nach und nach herausschälen. Da verzweigen sich Trompeten, Saxofone, Bass und Schlagzeug zu einem Geflecht, aus dem sich die Soli der Bassklarinette und Posaune beinahe zärtlich herausheben. Was ihn beim Komponieren für ein großes Ensemble fasziniere, sei vor allem der Sound, der durch den Gesamtzusammenklang entstehe. „Diese Wucht, die dir entgegenkommen kann“, so Dintheer. Wenn er komponiere, denke er bereits an seine Ensemblemitglieder. „Die höre ich schon in meinem Kopf, wie sie etwas spielen.“ Dabei lasse er sich Zeit, um seine kompositorischen Ideen zu entwickeln.

Jan Dintheer (Foto: Raffael Thielmann)

Der 1993 bei Thun geborene Dintheer begann im Schulorchester mit Gitarre und spielte dann in Rock-, Metal- und Indie-Bands. Nach einer Lehre zum Metallbauer schrieb er sich an der Swiss Jazz School in Bern ein und studierte nach seinem Bachelor in Jazzgitarre Komposition bei Django Bates. Besonders faszinierte ihn die Kompositionstechnik der „Cellular Composition“ von Muhal Richard Abrams und John Hollenbeck, über den er seine Masterarbeit schrieb.

Ausgehend von einer konzeptuell vorgegebenen musikalischen „Zelle“, etwa einem bestimmten Rhythmus oder auch nur einem Wort oder einer Zahl, wird das Stück entwickelt. Er selbst wandte diese Technik auf sein Stück „Unvollkommenes Beryllium“ an. „Bei diesem Stück habe ich mich in verschiedenen Kontexten mit der Zahl 4 beschäftigt, in erster Linie in Form von Intervallen. An einer Stelle, kurz vor dem Baritonsolo, entwickeln sich alle zwölf Töne in Quartschichtungen.“ Zum Titel erklärt er:

„Im Mittelalter galt der 3/4-Takt als die vollkommene Taktart, wegen der Dreifaltigkeit. Die Vier war das Unvollkommene, deshalb fand ich: Das passt. Und Beryllium ist einfach das vierte Element des Periodensystems.“

Ein weiteres Stück auf dem Album trägt den Titel „Loose Cannon“, ein Ausdruck für jemanden, der schnell explodiert und unberechenbar ist. Die Bezeichnung gibt es auch beim Poker, das Dintheer während der Coronazeit oft spielte. „Im Poker wird eine Spielweise als „loose‘ bezeichnet, die sich nicht an die übliche Empfehlung für Starthände hält, sondern nahezu jede Kartenkombination zum Einstieg nutzen kann“, so Dintheer. Dadurch bleibe das Spiel für die anderen schwer vorhersehbar. Dies habe er auf seine Komposition übertragen.

Der Titel „Längsgeteilte Dringlichkeit“ sei eine Bezeichnung, die aus Deutschland komme, für eine Autobahnplanung, die eigentlich dreispurig sein sollte, dann aber aufgrund von Geldmangel nur zweispurig ist. „Man teilt also der Länge nach, und nach diesem Konzept habe ich das Stück geschrieben. Zuerst eine Melodie, dann eine Basslinie dazu und so hatte ich diese zwei Straßen, die ich dann zerstückelt und auf ihnen die Instrumente vertikal verteilt habe. Das endet schließlich im Verkehrschaos, in Stau und Stress und lautem Gehupe.“

„Shepherd’s Pie“ schließlich sei ein Wortspiel, das sich auf das englische Gericht, aber vor allem auf die psychologische Tonwahrnehmung der „Shepherd-Skala“ beziehe, als auditive Illusion von Sinustönen einer unendlich ansteigenden und abfallenden Tonleiter. Ligeti etwa ahmte diesen Effekt in seiner Klavieretüde Nr. 13 „L‘Escalier Du Diable“ nach. Dintheer hat diesen auf seine Komposition für sein Large Ensemble übertragen – beginnend mit einem langsamen, tiefen Tenorsaxofonsolo, das zu schwingen beginnt, während oktavversetzt die anderen Instrumente im Hintergrund dazukommen. So entsteht ein beinahe hypnotischer, flächiger Klang, mit dem das Album endet, als scheinbar unendlich repetitive Illusion des Hörens, sich verlierend im Unbekannten.

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Text
Maxi Broecking
Foto
Raffael Thielmann

Veröffentlicht am unter 162, Heft, Next Generation

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