RIP: Ralph Towner

Ralph TownerRalph TownerOffiziell gründete sich die Band Oregon 1971. Doch eigentlich gibt es sie schon ein Jahr länger. 1970 kamen Ralph Towner und Glen Moore zum Paul Winter’s Consort, wo sie den Oboisten und Saxofonisten Paul McCandless trafen und den Sitarspieler Collin Walcott kennenlernten. Kurz darauf verabredeten sich die vier für eine Studiosession, um unter dem Namen Thyme mit ihrer nicht alltäglichen Besetzung aufzunehmen. Doch die Plattenfirma, die das Debüt herausbringen wollte, machte Konkurs, die Aufnahmen erschienen erst zehn Jahre später als „Our First Record“. Zu der Zeit hatte sich dieses Quartett schon längst einen Namen als Oregon gemacht: mit einer rein akustischen Improvisationsmusik, die sich dem Zeitgeist widersetzte, und einer Fusion der Gattungen und Genres, wie sie ungewöhnlicher nicht sein konnte – als eine Art imaginäre Weltmusik aus Jazz und Folk, aus klassischer indischer Musik und komponierter Neuer Musik.

Der Gitarrist Towner, 1940 im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA an der Grenze zu Kanada geboren, prägte Oregon mit seiner Gitarre nachhaltig. Anders als viele seiner Instrumentalkollegen in den 1970er-Jahren spielte er zeitlebens ein akustisches Nylonsaiteninstrument, nicht selten war er auf der zwölfsaitigen Gitarre zu hören. Gemeinsam mit der nasal klingenden Oboe von McCandless, mit dem schnurrenden Basssound von Moore und dem scharfen Klang der Sitar von Walcott machte er mit der Gitarre einen famosen, stets wiedererkennbaren Gruppensound möglich, der gleichermaßen zum Kenn- und Markenzeichen von Oregon geworden ist.

Ursprünglich wollte Towner Pianist werden. Doch er merkte bald, dass die Konkurrenz groß war – und sattelte um auf die akustische Gitarre, die er klassisch in Wien studierte. Die Zeit bei Karl Scheit dort legte den Grundstock für seinen eigenen harmonischen und melodischen Kosmos. Seine Akkordverbindungen auf der Gitarre folgten nicht der klassischen Harmonielehre. Vielmehr waren sie bestimmt durch die eigene Intuition und Towners untrügliches Gespür für den perfekten Klang aus dem Moment heraus, der dann auch seine melodischen Wegmarken kennzeichnete. „Improvisation ist eine Weiterentwicklung des Grundgedankens“, erläuterte er im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk: „Anfangs treten Figuren auf, das ist das Thema, danach entwickelt sich eine Geschichte. Das ist dann die Improvisation.“

Seine musikalische Heimat fand Towner bei ECM Records. Er als Solitär auf dem Jazzcircuit war geradezu prädestiniert für die introspektive Vorstellung von Musik, wie sie Manfred Eicher oftmals mit ECM verfolgte. Er liebte es, im Duo zu spielen, versunken im Dialog mit einem musikalischen Partner. Er liebte Kontraste, wie sich diese im Zusammenspiel etwa mit dem E-Gitarristen John Abercrombie zeigten. Und er liebte versponnene Klanglandschaften, wie er sie auf einem Album wie „Solstice“ kartografierte. Auch liebte er das unbegleitete Solospiel, mit dem er seine gestalterische Imaginationskraft vielleicht am Deutlichsten zu Tage treten ließ. Dafür setzte er sich schon früh mit den Möglichkeiten eines Synthesizers auseinander – erst zur Klangerweiterung, später dann, um Duette mit sich selbst zu spielen. 2023 veröffentlichte er noch einmal eine seiner Soloaufnahmen, der er den programmatischen Titel „At First Light“ gab. Dieses Album ist nun zu seinem Vermächtnis geworden: Ralph Towner ist am 18. Januar im Alter von 85 Jahren in Rom gestorben.

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Ralph Towner

Text
Martin Laurentius
Foto
Paolo Soriani/ECM

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