Theo Croker

Völlig losgelöst

Ein Traum sei es, mit seiner Musik Menschen helfen zu können, meint der Trompeter Theo Croker. Das ist weniger therapeutisch gedacht als vielmehr metaphysisch. Ein Gedanke an die Loslösung, die „Escape Velocity“ (Okeh/Sony), die er seinem Album als Titel gegeben hat.

Theo Croker (Foto: Georgie Wood)

Kein Wunder, dass man im Gespräch bei Sun Ra landet, dem führenden Kosmologen des Jazz, der lange vor den meisten Kollegen Musik auf die Ebene des Transzendenten gehoben hat. Das war vielen seiner Zeitgenossen suspekt und wirkt auch aus heutiger Sicht noch schrullig bis zirzensisch. Aber es öffnet den Blick, die Haltung, mit der Musik sich aus den Zusammenhängen der Tradition herauslösen lässt. Das wiederum fasziniert Theo Croker, der sich dagegen wehrt, pauschal einer Stilistik zugeordnet zu werden:

„Sun Ra war seiner Zeit weit voraus. Für mich klingt das überhaupt nicht abwegig, was er gemacht hat. Ich finde es viel seltsamer, wenn jemand versucht, Stücke aus den Dreißigern zu nehmen und heute so zu klingen wie Duke Ellington. Das ist out. Duke Ellington hat in späteren Jahren nie versucht, etwa wie Fletcher Henderson von einst zu klingen, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Sun Ra ist für mich daher weit vorne, vielleicht eine Frage des Geschmacks, aber ansonsten sehr profund, sehr menschlich, sehr spirituell.“

Und ein Vorbild der Selbstdarstellung, von dessen Konsequenz man sich inspirieren lassen kann. Theo Croker ist 30 Jahre alt, ein Enkel des Trompeters Doc Cheatham und auf dem Sprung zur nächsten Stufe der Bekanntheit. Er hat ein Studium am Oberlin Konservatorium hinter sich, mehrere Preise gewonnen und seit 2006 drei Platten und eine EP unter eigenem Namen aufgenommen („The Fundamentals“, 2007; „In The Tradition“, 2008; „Afro Physicist“, 2014; „Dvrkfunk“, 2015). Croker hat eine Zeit lang in Schanghai gelebt, ist von Mentoren wie Donald Byrd ordentlich gelobt und von Dee Dee Bridgewater unter die Fittiche genommen worden, die ihn für ihr Label DDB verpflichtete. Damit hat er den Einstieg ins internationale Jazzkarussell geschafft, wo er nun Beständigkeit beweisen muss, die vor allem in der Entwicklung des eigenen Profils besteht. Kategorisierungen helfen da nicht weiter, sie sind sogar kontraproduktiv, weil sie die Wahrnehmung einengen wie etwa die zurzeit umjubelte soulige Ekstase im Retro-Gewand:

„Wenn Leute Funk hören, meinen sie immer gleich, das sei Retro-Musik. Stimmt aber nicht. Ich bin genauso vom Jazz wie von HipHop, R&B, Rock, World Music, von afrikanischer Stammesmusik und Ambient oder von chinesischer Musik beeinflusst. Klar, der Geist der Siebziger war sehr selbstbewusst und frei, politisch und gesund, das sind Sachen, die eindeutig bis heute zählen. Aber musikalisch gesehen haben wir mit der Band unseren Sound und hängen nicht am Tropf von anderen.“

Zu Crokers Team gehören neben dem Saxofonisten Irwin Hall und Gitarrist Ben Eunson der Keyboarder Michael King, der Bassist Eric Wheeler und Drummer Kassa Overall. Es ist eine Kerncombo, mit der er um die Welt reist und in Schanghai, Wien und Brooklyn Musik für sein Album aufgenommen hat. Und es sind Freunde, die ihm helfen, die Idee eines elektrifizierten, nachdrücklich jazz-rockigen und zugleich funky präsenten Sounds zu entfalten, der Energie ausstrahlt, die über das souveräne Zusammenspiel hinausreicht – im Sinne des Titels:

„‚Escape Velocity‘ hat zwei Bedeutungen. In der Wissenschaft steht der Begriff für die Geschwindigkeit, die man braucht, um die Erdrotation verlassen zu können. Die metaphysische Bedeutung wiederum bezeichnet die Kraft und Bewegung, mit der man die Welt transzendiert, um in eine andere Dimension vorzudringen. ‚Escape Velocity‘ ist also auch ein Ausdruck dafür, die Realität verlassen zu können, die wir als unser Leben kennen, um in Kontakt mit dem Schöpfer unseres Universums zu treten. Klang und Licht helfen uns, mit unseren Gedanken zu multiplen Ebenen vorzudringen. Musik ist eine Möglichkeit, das zu erreichen.“

Das ist keine Jazzesoterik, sondern eine Frage der Methodik. Theo Croker spielt sich kontrolliert in Trance, seine Musiker folgen ihm in Form dicht gewebter Klangnetze. Der Sound ist elektro-akustisch konkret und legt Wert auf die Anmutung des Handgemachten, Unmittelbaren. Man kann das, allem Widerspruch zum Trotz, auch Modern Fusion nennen. Aber am Ende ist es unwichtig, wie es heißt. Denn man hört, dass Theo Croker auf dem Weg ist.

Text
Ralf Dombrowski

Veröffentlicht am unter 115, Feature, Heft
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