Bezau Beats 2018

Sons of Kemet

Trommeln für die neuen Royals

Es ist eine etwas bizarre These. Reptilienartige Aliens hätten sich in Menschen verwandelt, um eine neue Weltordnung zu etablieren. Ranghöchste Politiker, und auch die englische Königin, seien Reptiloide, die menschliches Blut tränken. Die Theorie hinter dem Titel des neuen Albums von Shabaka Hutchings‘ Gruppe Sons of Kemet wirft Fragen auf …

Sons of Kemet (Foto: Pierrick Guidou)

Shabaka Hutchings mag mit seinen Sons of Kemet außerweltliche Sphären des Jazz betreten, ein rechter Verschwörungsesoteriker wie David Icke, der die Reptiloid-Theorie erfand, ist der Saxofonist nicht. „Dennoch, Mr. Hutchings, ist der Titel Ihres neuen Albums ‚Your Queen Is A Reptile‘ (Impulse!/Universal) nicht ziemlich angriffslustig?“ – „Nein“, sagt der unbestrittene Leader der Sons of Kemet am Telefon, „mir geht es lediglich darum, dass mein Publikum seinen Standpunkt zur Rolle der Queen überprüft. Die Reaktion auf den Titel sagt mehr aus als der Titel selbst. Ob jemand wie Icke das nun in einem buchstäblich mythologischen oder metaphorischen Sinne meint, interessiert mich nicht. Das Hirn soll dazu gebracht werden, in eine andere Richtung zu denken.“

„Your Queen Is A Reptile“ ist ein eminent politisches Album. Das 2011 gegründete Quartett geht die großen Probleme der Gegenwart an: Ungleichheit, Menschen, die von Geburt an bessergestellt sind als andere, und gesellschaftliche Zustände, die der Änderung bedürfen. Wichtige Themen zu einer Zeit, in der in Shabaka Hutchings‘ Heimat England verquere Träume von einem neuen British Empire laut werden und in der Frauen nicht zuletzt dank des Hashtags #metoo ihre Rechte einfordern.

„Ich habe mich gefragt: Wer sind die für mich persönlich bedeutendsten Frauen?“, sagt Hutchings. „Ich habe lange Recherchen betrieben und dann auf Facebook gefragt: Wer sind die Frauen, die euch inspiriert haben? Innerhalb kürzester Zeit bekam ich Hunderte von Antworten und Ideen für Protagonistinnen.“

Alle neun Titel auf „Your Queen Is A Reptile“ beginnen mit „My Queen is …“, gefolgt von den Namen mehr oder weniger bekannter Aktivistinnen der afrikanischen und karibischen Diaspora. Da ist die jamaikanische Nationalheldin Nanny of the Maroons, die sich gegen die britische Kolonialmacht auflehnte. Oder die kommunistische US-Professorin Angela Davis, eine wichtige Figur der Gegenkultur der 70er-Jahre. Sie sind für Hutchings die neuen Royals: Frauen, die es sich durch Engagement verdient haben, dass man zu ihnen aufschaut: „All diese Frauen haben eine Stärke angesichts einer unterdrückenden Gesellschaft und eine beeindruckende Selbstlosigkeit gemein.“

Der 33-Jährige mit der imposanten Statur ist schon seit Jahren der Mann, der in Londons Szene gefragt wird, wenn es darum geht, orkanartige Saxofonböen zu entfachen. Power – kein Wort fällt so oft, wenn es darum geht, seinen Stil zu beschreiben. Hutchings scheint getrieben von dem unbändigen Willen, es besser zu machen. Musikalisch wie moralisch. Er ist der Typ, der üblicherweise schon zu Beginn einer Show Soli spielt, die jeder andere Saxofonist sich für das Ende aufheben würde, aus Furcht, danach keine Lungenkapazität mehr zu haben. Der gebürtige Londoner spielte bereits mit dem Sun Ra Arkestra und Mulatu Astatke und betreibt neben den Sons of Kemet noch das experimentell-elektronische Trio The Comet Is Coming und das in Südafrika beheimatete Ensemble Shabaka & The Ancestors.

In der Familiengeschichte von Hutchings finden sich Hinweise auf spätere Neigungen: Sein Vater, ein überzeugter Rastafari, benannte ihn nach einem ägyptischen Pharao. Mit sechs Jahren nahm er den Jungen mit zurück nach Barbados, wo der junge Shabaka Klarinette in Calypso-Bands spielte. „Ich versuche, in mich hineinzuhorchen und herauszufinden, wie viel Karibik noch in mir nachhallt“, sagt Hutchings. Im fulminanten Sound dieses mit Saxofon, Tuba und zwei Drummern besetzten Quartetts finden sich Spuren der karibischen Diaspora, nicht zuletzt auf „My Queen Is Nanny Of The Maroons“, wo Hutchings knarzigen Dub mit dem Sprechgesang des Londoner Rappers Congo Natty verbindet. Tribalistisch und mächtig klingen die Sons of Kemet, basierend auf dem abgrundtiefen Bass der Tuba von Theon Cross und den tranceartigen Grooves des Doppelschlagzeugs. Gleichzeitig geht das in die Beine wie die Second-Line-Rhythmen einer New-Orleans-Brassband oder die trippy-tanzbaren Mixe eines DJs im hippen South London.

Bei Impulse! Records sind die Sons of Kemet ein eher ungewöhnliches neues Signing. Labelgrößen wie John und Alice Coltrane hätte das Engagement des Bandleaders aber mit Sicherheit gefallen. Die Königinnen des Shabaka Hutchings, sie bekommen neue Anerkennung.

Jazz thing präsentiert
Sons Of Kemet
21.05. Hamburg, Mojo Club
22.05. Berlin, Privatclub

Text
Jan Paersch
Foto
Pierrick Guidou

Veröffentlicht am unter 123, Feature, Heft, Live things