RIP: Dieter Glawischnig

Dieter GlawischnigDieter GlawischnigKennengelernt haben sich Dieter Glawischnig und Ernst Jandl schon 1966 im Grazer Forum Stadtpark, einer interdisziplinär wirkenden Aktionsgemeinschaft aus Künstler:innen, Wissennshaftler:innen und Kulturschaffenden. Das war der Anfang einer lebenslangen Künstler-Partnerschaft zwischen dem Jazzmusiker Glawischnig hüben und dem Experimentallyriker Jandl drüben. War der eine daran interesseiert, in seine Kompositionen die musikalischen Parameter von Sprache zu integrieren, so dachte der andere darüber nach, die Ausdruckskraft seiner expressiven Lautgedichte durch die Möglichkeiten von improvisierter Musik zu erweitern. Bis zu Jandls Tod im Jahr 2000 hatte diese einmalige Partnerschaft Bestand – und zeigte sich zum Beispiel in der Komposition „laut und luise“ von Glawischnig für die NDR Bigband mit Gedichten von Jandl als eine emotional intensive Auseinandersetzung mit Sprachsilben und Musikklängen.

Glawischnig, 1938 in Graz geboren, studierte in seiner Heimatstadt Klavier und Posaune, aber auch Dirigat und Musikwissenschaft. Er gehörte 1965 zu den Gründern der Jazzabteilung an der Musikhochschule in dieser Stadt in der Steiermark, der ersten in Europa überhaupt, die er auch zwischen 1968 und 1975 geleitet hatte. Jazz sei nicht mehr diese Musik, die sich im Keller abspiele, sagte Glawischnig einmal, „wo alle chaotisch und betrunken herumsitzen und ihren subversiven Wirbel machen. Es ist eine anerkannte zeitgenössische Musik.“ Zum ersten Mal Kontakt zum Norddeutschen Rundfunk (NDR) hatte er 1973, als er vom NDR-Redakteur Wolfgang Kuhnert nach Hamburg geholt wurde, um aus dem Radio Tanz- und Unterhaltungsorchester des NDR eine Jazz-Bigband zu machen. Ab 1980 war Glawischnig fast 30 Jahre lang Chefdirigent der NDR Bigband, die Kuhnert und er als erstklassig besetztes Solistenensemble konzipiert hatten, um die Jazzmoderne und -avantgarde in Einklang zu bringen mit der (afro)amerikanischen und europäischen Tradition dieser Musikgattung.

Auch in Hamburg zeigte sich wieder sein Faible für Theorie und Praxis, als Glawischnig 1982 den Fachbereich Jazz an der Hochschule für Musik und Tanz Hamburg einrichtete, in dem, natürlich, zweigleisig unterrichtet und studiert wurde. Angehende Jazzer:innen setzten sich mit dem Kanon der klassischen Musik aus Europa auseinander, während dort die Klassiker:innen lernten, wie sie auf ihren Instrumenten improvisieren konnten. „Nur nachspielen, was ein anderer komponiert hat“, war Glawischnig überzeugt, „reicht nicht. Improvisieren, etwas schaffen, was es noch nie gegeben hat – das ist es doch!“ 2003 wurde er emeritiert, 2008 nahm er dann Abschied von der NDR Bigband. Er zog zurück in seine Heimatstadt Graz, wo Dieter Glawischnig am 1. Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben ist.

Text
Martin Laurentius
Foto
NDR

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