Eivind Aarset
40 Minuten sind genug
Mit „Strange Hands“ (Jazzland/edel) hat Eivind Aarset ein Album eingespielt, das sich vor allem um sein Quartett mit Audun Erlien, Wetle Holte und Erland Dahlen drehen soll. Trotzdem sind aber auch zwei Gastmusikerinnen mit an Bord. Warum das kein Widerspruch sein muss, hat der norwegische Gitarrist unserem Autor erläutert.
„Es ging mir um den Bandsound, den wir seit Jahren live entwickelt haben und den wir noch nie so gut auf einem Album abgebildet haben“, betont Eivind Aarset gleich zu Beginn unserer Unterhaltung. „Wir haben einen Sound kreiert, der von einem gemeinsamen Sinn für eine gewisse musikalische Ästhetik zeugt. Und wir hatten ein paar Melodien, die wir schon live ausprobiert hatten und die wir gerne aufnehmen wollten.“
Auf „Strange Hands“ kann man die Saiten, das Holz und die Haut der Trommeln hören, früher ging es Aarset auch schon mal um Abstraktion. „Wenn wir das Gefühl bekommen, ‚hier waren wir schon einmal‘, ist das für uns das Zeichen, umzukehren und nach einem anderen Weg zu suchen“, sagt Aarset. „Die Entscheidungen, die wir im Studio treffen, sind intuitiv: Wir folgen einfach dem, was sich richtig anfühlt. Am Ende ist das Ziel einfach: Wir wollen Musik machen, die sich frisch anfühlt, auf die wir mit unseren Gefühlen reagieren können und mit der wir glücklich sind, wenn wir sie noch einmal spielen können. Die Musik selbst lehrt uns, was als Nächstes kommt.“
Auf „The Deep Green“ sind die Geigerin Sara Övinge und Mira Thiruchelvam an einer ganz speziellen Flöte, der Pullankulal, zu hören. „Ich hatte Mira Thiruchelvam schon einmal auf einem Festival gehört, aber ich hatte sie noch nie getroffen“, erinnert Eivind Aarset sich. „Miras Familie kommt aus Sri-Lanka, und aus der Tradition kommt wohl auch ihr Instrument. Es ist eine Art Flöte, ähnlich der indischen Bansuri. Die andere Gastmusikerin ist die Geigerin Sara Övinge, die eigentlich aus der Klassik kommt, aber ich wusste, dass sie auch eine gute Improvisatorin ist. Die Tracks, auf denen die beiden zu hören sind, haben den Bandsound auf eine Weise erweitert, die mir wirklich gefallen hat.“
Övinge ist auch noch auf dem Abschluss-Track, dem ätherischen „Night Swimmer“, zu hören, bei der sich ihr Geigensound unwiderstehlich mit dem von Aarsets Gitarre vermischt.
Was noch auffällt: „Strange Hands“ ist ziemlich genau vierzig Minuten lang. Als ich Aarset darauf hinweise, dass das genau die Spieldauer einer Vinyl-LP ist, fängt er an zu lachen. „Das stimmt“, meint er nur, „und das mag in meinen Überlegungen sogar eine Rolle gespielt haben. Als ich begann, Musik zu machen, war die CD das bevorzugte Format. Aber ich habe immer gern an LPs gedacht, denn siebzig Minuten Musik sind manchmal einfach zu viel. Vierzig Minuten sind doch eine schöne Länge für ein Album.“ Dabei ist Eivind Aarset beileibe kein Dogmatiker, was die Spieldauer angeht. „Das hängt doch immer von dem jeweiligen Projekt ab“, meint er. „Ich habe auch schon eine Doppel-CD veröffentlicht, und das hat auch funktioniert. Natürlich bin ich mit 65 alt genug, um mich noch an LPs zu erinnern, an die Cover, das Artwork und so.“ Vielleicht ein Grund für Aarset-Fans, sich das Album auf Vinyl zu besorgen – das raffinierte Sound-Design von ihm und seiner Band bleibt aber auch auf der CD intakt.
Eivind Aarset ist ein Gitarrist, den man eigentlich sofort erkennt, dafür reichen ihm seine E-Gitarre, ein Kabel und ein Verstärker. „Strange Hands“ unterstreicht diese Tatsache eigentlich nur und fügt dem umfangreichen Katalog des Gitarristen ein weiteres Kapitel hinzu. Und wie eigentlich fast immer ist auch dieses Kapitel äußerst kohärent, erforscht neue Klangwelten und ist ein Werk, das so nur Eivind Aarset machen konnte.
Der Gitarrist ist fast ständig auf Tour. Zum Zeitpunkt unseres Interviews hatte er gerade mal ein paar Tage Zeit, sich im heimischen Bergen zu erholen, bevor er sich wieder auf eine Asien-Tournee mit einem anderen Projekt begeben musste. Auch die Mitglieder seines Quartetts, der Bassist Audun Erlien („Now Is The Time“) sowie die beiden Schlagzeuger Wetle Holte („Hurricane“) und Erland Dahlen („Racoons“) sind vielbeschäftigte Musiker, die auch eigene Bands unterhalten. Doch auch für Eivind Aarsets Quartett und die Musik von „Strange Hands“ existieren schon konkrete Pläne, denn ab September will der Gitarrist mit seiner Band auf Tour gehen. „Im Herbst werden wir auch in Deutschland spielen“, gibt er zufrieden bekannt – Gigs in Dresden und Aachen stehen jetzt schon auf der Habenseite.








