Wer 50 Jahre danach ein Gefühl dafür bekommen möchte, warum Ahmad Jamal Bewunderer wie Kritiker gleichermaßen auf den Plan rief, der kommt an dieser wiederentdeckten Live-Aufnahme nicht vorbei. Die einen nannten ihn einen der größten Pianisten des Planeten, Miles Davis schrieb gar, Jamals Konzept von Raum, Leichtigkeit und Zurückhaltung habe ihn „umgehauen“. Andere lästern bis heute über seine schwülstigen, bisweilen kitschigen Ausformungen. Bei den Konzerten im Chicagoer Showcase am 20. und 21. März 1976 lässt sich beides wunderbar nachvollziehen. Der damals 46-Jährige agierte zwar offiziell im Trio (Bassist John Heard und Drummer Frank Gant). Doch außer marginalem Becken-Gezischel bieten die beiden CDs fast nur schier endlose solistische Höhenflüge des Tasten-Akrobaten. Dabei wagt sich Jamal so weit wie nie zuvor ins modale Dickicht, zerstört mit dissonanten Figuren und retardierten Patterns sein bleischweres Wohlklang-Image, um irgendwann dann doch wieder ins gewohnte Schwelgen zu fallen. Die geniale Live-Version von „Wave“ steht exemplarisch für diese enorme Bandbreite. Man könnte es auch Zerrissenheit nennen.
Text
Reinhard Köchl
Ausgabe
, Jazz thing 165
Veröffentlicht am 22. Okt 2026 um 07:58 Uhr unter Reviews