Fanfare Ciocârlia

Alles besser, irgendwie

Großspurig kündigt der Albumtitel an: „Onwards To Mars!“ Das gehört zum Konzept der Fanfare Ciocârlia, der musikalischen Manifestation des Übermuts. Aber es gibt ja auch etwas zu feiern: zwei Jahrzehnte Bandzusammenhalt in Zeiten der kulturellen Erosion. Da darf ein wenig Spaß schon sein.

Fanfare Ciocârlia

Man muss die Google-Landkarte schon sehr verkleinern, um den nächsten bekannten Ort zu finden. Zece Prajini ist ein Straßendorf weit im rumänischen Hinterland, nordöstlich Richtung ukrainische Grenze. Übersetzt bedeutet der Name „Zehn Felder“, ein Rekurs auf die Zeit der Leibeigenschaft, als ein rumänischer Fürst seinen Bauern ein wenig Land zur eigenen Bewirtschaftung zugestand. Es waren bestimmt nicht seine besten Gebiete und auch heute noch wäre das Dorf eine der Agrarruinen am Ende der europäischen Welt, wäre es nicht die Heimat der Fanfare Ciocârlia. Es klingt absurd, aber gerade Zece Prajini ist der Beweis, dass Musik über den Rausch des Moments hinaus etwas bewirken kann.

„Es hat sich einiges verändert, sowohl für die Band als auch für die Lebensbedingungen im Dorf“, erzählt Costica Trifan, Trompeter und Sänger der Fanfare Ciocârlia. „Als Musiker haben wir viel Geld verdient, was es uns erlaubt hat, uns in einem ordentlichen Lebensstandard einzurichten. Wir sind damit sehr glücklich, können unseren Kindern eine gute Ausbildung finanzieren, viel besser als das, was wir selbst bekommen haben. Sie gehen auf Hochschulen, bekommen andere und bessere Jobs, als wir sie für uns hätten erträumen können. Im Dorf selbst wurde einiges vom Staat modernisiert, vieles aber auch von uns selbst. Wir haben eine neue Kirche, eine moderne Schule, viele Dorfbewohner konnten ihre Häuser renovieren. Vor allem aber kommen seit einem Jahrzehnt immer mehr Touristen, die uns von der Musik her kennen. Wir machen Workshops, bringen Leuten aus aller Welt bei, wie man die Instrumente oder auch unsere Musik spielt. Aus dem stillen Ort ist, vor allem im Sommer, ein belebtes Fleckchen Erde geworden.“

Zumindest den Umständen entsprechend. Denn die Staatsstraße 280 ist noch immer eine staubige Piste, nur die privaten Seitenwege sind ordentlich geteert, Eigeninitiative. Trifan weiß, dass er und sein Dorf Glück gehabt haben. Roma sein heißt in Moldawien, wie an vielen anderen Orten der europäischen Welt, am Ende der Wertschätzungskette zu stehen. Henry Ernst jedoch war vom ersten Moment an begeistert. Auf der Suche nach musikalischer Authentizität war der Toningenieur und Talentscout in eigener Sache Mitte der Neunziger auf dem Balkan unterwegs, stieß über viele Zufälle auf Trifan und seine Kollegen, die ihm ein derart eindrucksvolles Ständchen bliesen, dass er sich entschloss, die Band, die sich von da an mit einem Augenzwinkern Fanfare Ciocârlia („Lerchenkapelle“) nannte, für mehrere Konzerte nach Deutschland zu holen.

Eine Fügung mit etwas Hilfe

Fanfare Ciocârlia

Die Resonanz war gut, doch nach der Tour waren die Ersparnisse verbraucht. Es hätte das Ende des kleinen Brass-Band-Experiments sein können, wären nicht just in diesem Momente ein paar solventere Engagements hinzugekommen.

„Vor 20 Jahren konnten wir einen echten Senkrechtstart hinlegen“, meint Trifan weiter. „Das Publikum hat enthusiastisch reagiert, ebenso die Berichterstattung. Es war einfach eine Fügung, dass wir zur rechten Zeit an den richtigen Orten waren. Die große Unterstützung bereits zu Beginn hat uns enorm geholfen, permanent auf Tour zu sein und das zu machen, was wir am besten können, nämlich live auf der Bühne zu spielen. Im Hinblick auf das Repertoire unterscheiden wir uns von serbischen oder bulgarischen Kapellen durch relativ weit gefächerte Einflüsse. Wir pflegen nicht einen Stil im Speziellen mit vertrackten Rhythmen, sondern wir versuchen, einen bunten Mix zu bieten, allerdings auf der Basis traditioneller Musik vor allem aus Moldawien. Deshalb spielen wir Jazziges, Balkan Brass bis hin zu Filmmusik, wo es vor allem um den Ausdruck von Gefühlen geht. Im Kern aber wollen wir die Menschen zum Tanzen bringen und eine große Party feiern.“

Die Fanfare Ciocârlia hat dabei vieles richtig gemacht. Während die synthetisch umwölkte Spaßgymnastik der Techno-Aufmärsche zunehmend an Anziehungskraft verlor, wuchs in Großstädten wie Berlin, Prag, Paris ein Bedürfnis nach handgemachter Partymucke heran, die ebenso schweißtreibend wie sinnstiftend exotistische Fantasien beflügelte. Der Balkan hatte sich als Konkursmasse der Sowjetunion und überraschend gewalttätiges Krisengebiet hinreichend als Projektionsfläche vitalisierender, gefährlich kribbelnder Impulse qualifiziert, und die Fanfare Ciocârlia passte mit ihrer urtümlich virtuosen, fiebrigen Feierlust perfekt in das Muster des keimenden, die Hipster euphorisierenden Balkan Beats. Und Henry Ernst, der bei dieser Gelegenheit gleich seine „Asphalt Tango“-Agentur mit Label zur Vermarktung des Phänomens gegründet hatte, führte die zwölfköpfige Combo gekonnt in die vordere Liga der Live-Acts.

Die Musiker wiederum spielten mit schier unerschöpflicher Energie Konzert um Konzert, bis auf den 2006 verstorbenen Klarinettisten Ioan Ivaneca seit Beginn in derselben Besetzung. Sie ließen einiges mit sich machen, luden Gäste wie die Sängerin Esma Redzepova ein, duellierten sich musikalisch mit dem Marko Markovic Orchestra und nahmen allerlei Evergreens von „Born To Be Wild“ bis „James Bond“ ins Repertoire.

Richtung Mars

Fanfare Ciocârlia
Das internationale Publikum dankte die Mischung aus Ohrwürmern und Originalität mit anhaltender Sympathie, sodass die Fanfare Ciocârlia in dieser Saison ein Bandjubiläum feiern kann, natürlich mit neuem Album:

„20 Jahre, das war für uns der Anlass, wieder eine eigene Platte aufzunehmen, ohne große Kollaborationen oder Gäste. Die Stücke sollten ein wenig die Erfahrungen dieser beiden Jahrzehnte widerspiegeln. Deswegen gibt es traditionelle rumänische Weisen in neuen Bearbeitungen ebenso wie Titel, die ein bisschen Rock mitbringen. Sogar etwas Latin ist dabei, weil wir im vergangenen Herbst eine wunderbare Tournee durch Venezuela, Kolumbien und Mexiko gespielt hatten. Bei einem Festival in Medellin hatten wir Backstage beispielsweise mit der Combo Puerto Candelaria gejammt und wir einigten uns sehr schnell auf den Titel ‚Fiesta De Negritos‘. Da gab es musikalisch zwischen Cumbia und unserer Vorstellung einer Blaskapelle viele Gemeinsamkeiten. Wir hatten dann so viel Spaß auf der Bühne, dass wir uns spontan entschlossen, am folgenden Tag das Stück im Studio aufzunehmen.“

Es wurde der letzte Song des Albums „Onwards To Mars!“ (Asphalt Tango/Indigo), das ansonsten überwiegend eigene Lieder aus der Feder des Akkordeonisten Koby Israelite und volksmusikalische Melodien enthält. Der Sound ist eine Prise jazziger geworden, man ahnt stellenweise Karibisches, das sich mit der bewährten Brass-Band-Lokomotive verknüpft. Und einen Coversong konnten sich die Musiker nicht verkneifen:

„Auf Tour hatten wir oft ‚I Put A Spell On You‘ im Bus gehört und uns über den Sänger Screaming Jay Hawkins amüsiert. Als wir uns dann ein paar Videos auf YouTube angesehen haben, stellte sich heraus, dass der Typ tatsächlich so durchgeknallt war, wie er singt. Das hat uns begeistert und so entstand die Idee, dass wir auch eine Version davon aufnehmen könnten, zusammen mit einem Freund, Iulian Canaf, einem Zigeuner aus Iasi, der unter anderen zu einer Blues-Band gehört. Er fand unser Demo großartig und sang dazu, mit einer starken Bronchitis an dem Tag der Aufnahme, was wahrscheinlich die besondere Ausstrahlung der Aufnahme ausmacht.“

Also alles gut, ein rumänisches Musikmärchen mit vorläufig gutem Ausgang? Costica Trifan jedenfalls wirkt zufrieden, stellenweise begeistert. Seine Band steht weiterhin hoch im Kurs der Festivals, obwohl inzwischen reichlich Konkurrenz zum Geschäft gehört und das Genre Balkan Beat seit den Anfängen zahlreiche Transformationen durchlebt hat. Die Fanfare Ciocârlia hat also allen Grund zum Feiern, und sie plant, standesgemäß Bühnen überall in der Welt mit einer fortwährenden Geburtstagsparty zu beglücken. Der Blick nach Hause hat allerdings auch ernste Seiten. So gut es Zece Prajini erwischt hat, so wenig lässt sich das Erfolgsmodell auf die folgende Generation übertragen:

„Im Ausland sind wir bekannt, haben Fans, sind erfolgreich. In Rumänien sieht das anders aus. Dort spielen wir zwar manchmal auf Festivals, aber das steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir anderswo machen. Das war schon vor 20 Jahren so, und da hat sich leider nicht viel geändert. Es gibt auch nicht wirklich eine Nachwuchsgeneration für Blaskapellen in Rumänien. Denn das Interesse hier an Blasmusik oder traditioneller Musik lässt nach. Es gibt kaum etwas zu verdienen, und dementsprechend fehlt bei den Jungen die Motivation, sich damit zu beschäftigen. Auf Hochzeiten oder Dorffesten findet man kleine Kapellen mit Keyboards, einer Trompete, mal einem Saxofon, aber das ist auch schon alles. Zwar gibt es Initiativen etwa von privaten Stiftungen, die in Schulen Instrumentalunterricht oder Kurse für traditionelle Musik anbieten. Aber das greift zu kurz. Nur wenige Kinder lernen akustische Instrumente, die meisten greifen auf elektronische Alternativen wie Keyboards, Computer, Sampler zurück, weil das mehr Erfolg, mehr Einnahmen verspricht.“

Und auch die Kinder von Zece Prajini studieren im Ausland.

Jazz-thing-Leser können mitfeiern:
Für zwei Konzerte verlosen wir jeweils zwei Karten.

Jazz thing präsentiert
Fanfare Ciocârlia
15.09.
Groningen/NL, Oosterport
16.09. Viersen, Jazz Festival Viersen
02.11. Erlangen, Kulturzentrum E-Werk
03.11. Mühlheim a.d. Ruhr, Theater an der Ruhr
04.11. Opwijk/B, Nijdrop
05.11. Leipzig, Baikal Train im UT Connewitz
06.11. Dresden, Dresdener Jazztage
07.11. Husum, Speicher Husum
08.11. Hamburg, Fabrik
09.11. Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
10.11. Stuttgart, Laboratorium
11.11. Biel/CH, Le Singe
12.11. Zug/CH, Theater Casino Zug
13.11. Braunau am Inn/A, Gugg
14.11. Wien/A, ((szene))
15.11. Darmstadt, Centralstation
17.11. Aalborg/DK, Studenterhuset
18.11. Copenhagen/DK, Global

Text
Ralf Dombrowski

Veröffentlicht am unter 113, Feature, Heft, Live things
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