Mit seiner nonchalanten Art, nur das Nötigste zu spielen, prägte er unzählige Alben ganz unterschiedlicher Stilistik. Inzwischen hat Larry Carlton sein eigenes Label: 335 Records, benannt nach seiner Gibson ES 335, die ihn auf mindestens 80 Prozent aller Aufnahmen begleitet hat. Zum Auftakt präsentiert er gleich zwei Alben: eines live im Quintett mit Robben Ford, für das andere hat er im Studio neun seiner Klassiker neu eingespielt. Viel Larry Carlton also in diesem Herbst.
„Das ist wunderbar“, freut sich Session-König Larry Carlton in Los Angeles über die Gründung seines eigenen Labels 335 Records, „endlich bin ich frei und spiele das, was mir Spaß macht. Jetzt kommt niemand mehr und sagt mir: ‚Hey, du nimmst jetzt ein Smooth-Jazz-Album auf!‘“ Es ist ein neues Kapitel in einer Geschichte, die man gerne schreibt, von einem Gitarristen, der seinen Weg gegangen ist, trotz mancher Untiefen stetig voran, und der im Laufe von vier Jahrzehnten Tausende von Platten geformt hat, mit seinem Sound und seiner nonchalaten Art, nur das Nötigste zu spielen.
„Ich gehöre zu dieser glücklichen Spezies Musiker“, meint Larry Carlton selbst, „die ihr Leben lang nie etwas anderes machen mussten als Musik. Das ging schon früh los. Meine Mutter war Gitarrenlehrerin. Bei uns zu Hause lagen daher überall Gitarren herum, und das hat mich als Kind schon fasziniert. Sobald ich also ein Instrument halten konnte, bekam ich Unterricht, die ersten acht Jahre beim gleichen Lehrer, Slim Edwards. Und der hat etwas Cleveres gemacht: Da ich als Sechsjähriger weniger Interesse am eigentlichen Unterricht hatte als ältere Kinder, haben wir erst einmal in jeder Stunde zehn Minuten gejammt, einen leichten Boogie zum Beispiel. Dann kam das Theoretische, die Hausaufgabe, eine Skala oder so, die ich lernen sollte. Dieser Unterricht war sehr prägend. Als ich dann 14 war, ging ich meinen eigenen Weg, spielte bei Talentshows. Und entdeckte eines Tages Joe Pass. Das veränderte mein Leben.“
Larry Carlton begann damals, sich für die Jazzhistorie zu interessieren, schaffte sich die Grundlagen drauf und spielte bald regelmäßige Gigs in lokalen Bars. Dann eines Tages war er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Fleck. Im zweiten Jahr an der Junior High School, einer kleinen Schule in der kalifornischen Pampa, sollte ein Jazzkonzert stattfinden. Larry war dabei und außerdem ein Plattenproduzent, der nach neuen Talenten Ausschau hielt. Keiner von den wirklich großen, aber immerhin. Nach der Show kam er auf den Newcomer zu und bot ihm an, eine Platte zu machen. Das war 1968, Larry Carlton debütierte als Wes-Montgomery-Klon und war dabei. Von da an ging es zügig voran. Das Album lief den Sommer über im kalifornischen Radio, ein Produzent von Werbe-Jingles hörte den Sound, rief den Newcomer an, und so rutschte der hinein in die Clique der Studiomusiker.
Carlton wurde weiterempfohlen, seine stilistische Vielseitigkeit brachte ihn zu Steely Dan ebenso wie zu Michael Jackson, Barbra Streisand oder Joan Baez. Er profilierte sich gleichzeitig als Jazzkoryphäe, neben Lee Ritenour einer von denen, die alles spielen können, und der daher von Joni Mitchell ebenso gebucht wurde wie von den Brecker Brothers oder Bob James für die Edeljazz-Combo Fourplay. Sicher, da gab es Rückschläge wie 1988, als ihn ein Teenager grundlos in die Schulter schoss und er ein Dreivierteljahr mit intensiver Reha beschäftigt war, um seinen zeitweise gelähmten linken Arm wieder dazu zu bringen, mit dem Instrument umgehen zu können. Alles in allem aber ist Larry Carton ein glücklicher Mensch, so zufrieden mit sich, dass er sogar die eigenen Lieder aus der Kiste holt, um sie unter dem Titel „Greatest Hits – ReRecorded – Volume One“ (335 Records/in-akustik) noch einmal aufzunehmen:
„Wenn du älter wirst, ist einer der Vorteile, dass du auch unaufgeregter wirst. Ich glaube, ich habe inzwischen eine gewisse Reife erreicht. Es war sehr spannend, mir meine alten Aufnahmen wieder vorzunehmen. Ich konnte da meine Jugend hören, als ich doch vieles anders gemacht habe. Aber je älter du wirst, desto tiefer werden auch deine Empfindungen, und ich glaube, ich hoffe, das hört man.“
Sein Sound ist jedenfalls weiterhin zum Niederknien, die reduziert effektvolle Art zu phrasieren wie aus dem Lehrbuch der Coolness. Über die mit Keyboards vollgepumpten Arrangements von „ReRecorded“ lässt sich streiten. Wer es ein wenig herber mag, für den ist das Bühnentreffen mit dem Gitarrenkollegen Robben Ford die bessere Wahl. Denn „LC With Special Guest Robben Ford – Live in Tokyo“ (335 Records/in-akustik) ist feiner Blues von 2006, ebenfalls lässig und etwas für Freunde geschmackvoller musikalischer Ekstase. Ähnliches gilt für die im vergangenen Herbst erschienene Live-DVD mit seiner Sapphire Blues Band, „New Morning – The Paris Concert“ (in-akustik). In weniger deodoriertem Klang-Ambiente ahnt man dann auch, was Larry Carlton mit der tieferen Emotion meint. Und dass er ein Meister seines Instrumentes ist, steht eh außer Frage. Website: www.larrycarlton.com
Text: Ralf Dombrowski |