Reisen bildet. Und erweitert den Horizont. Dass Tim Hagans bei seinen Auslandsaufenthalten nicht nur auf Englisch mit den Menschen kommuniziert, hat ihm bereits jede Menge Pluspunkte eingebracht. Jetzt zeigt der nach allen Seiten offene Grenzgänger auch, welch brillanter Trompeter in ihm steckt, selbst wenn die musikalischen Höhenflüge inzwischen wieder „down to earth“ über die Bühne gehen.
Spätestens seit George W. Bush besteht kein Zweifel mehr: Amerika ist tatsächlich die Sonne, um die sich andere drehen. God’s own planet. Eine tief verwurzelte Einstellung, die mit der intergalaktischen (transatlantischen) Konversation beginnt. Schon aufgefallen? Den meisten US-Musikern kommen bei Tourneen durch die Alte Welt allenfalls profane Vokabeln wie „Dankescheen“ oder „Auf Wiederseejn“ über die Lippen. Dafür erhalten sie mitunter sogar Beifall. Der Rest der Ansagen erfolgt gewohnheitsmäßig in der Muttersprache des Künstlers. Wozu auch Deutsch, Französisch, Spanisch oder Russisch lernen, wenn sowieso jeder Englisch kann?
Tim Hagans stört das. Und deshalb spricht Tim Hagans Schwedisch. Fließend. Als musikalischer Direktor der Norrbotten Big Band pendelt er seit zwölf Jahren regelmäßig zwischen Lewistown/Pennsylvania und Luleå, im nördlichsten Zipfel des skandinavischen Königreichs gelegen, direkt an der Grenze zu Finnland, und arbeitet mit den dortigen Musikern („Ein exzellentes Orchester, kein Unterschied zu New York“) für mehrere Wochen. Lediglich im Probenraum fallen hin und wieder ein paar englische Brocken.
Bei Konzerten hat sich der Amerikaner dagegen angewöhnt, mit lustvoller Präzision minutenlange schwedische Monologe für das einheimische Publikum vom Stapel zu lassen. „Schon aus Respekt vor Land und Leuten. Ich bin schließlich Gast hier, und das schon seit mittlerweile zwölf Jahren. Wenn ich über einen derart langen Zeitraum arbeite und mein Geld verdiene, ist es das Mindeste, dass ich mich den Spielregeln anpasse.“ Als Beweis kauderwelscht der Trompeter in allerfeinstem Pippi-Langstrumpf-Slang. Was das nun gerade bedeutet hat? „Die Welt besteht nicht nur aus den Vereinigten Staaten.“
Auch Marc Copland denkt so und artikuliert sich längst global. „Überall, wo wir nach unserer Europatournee 2006 hinkamen, konnte er sich irgendwie verständlich machen. Ein überaus gebildeter Typ, ein absolut feiner Mensch, mit dem mich eine Menge verbindet. Und vor allem ein sagenhafter Musiker. Wir liegen in vielen Dingen auf derselben Wellenlinie.“ Copland, dieser Pianist mit seinem völlig eigenständigen, verschlungenen harmonischen Konzept, der am 27. Mai seinen 60. Geburtstag begeht, kommuniziert gerne mit Tim Hagans. Jüngst auf des Trompeters aktuellem Werk „Alone Together“ (Pirouet/H’Art), auf dem auch noch Bassist Drew Gress und der aus Köln stammende, aber in Brooklyn lebende Drummer Jochen Rückert mitdiskutieren. In einer gemeinsamen melodischen Sprache, die alle vier unweigerlich miteinander verschweißt, zu Komplizen werden lässt, in einer atemberaubenden Intensität, als könnte sie der Hörer leibhaftig bei einem Abenteuertrip durch die fünf Kontinente begleiten.
„Mit Marc, Drew und Jochen stoße ich in Bereiche vor, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Down to earth. Ich bin zum ersten Mal richtig zufrieden mit meinem Spiel. Rückblickend würde ich keine Note daran mehr ändern. Und das will bei einem Trompeter schon etwas heißen. Denn die sind eigentlich nie zufrieden. Schließlich bin ich in meinem lebenslangen Kampf gegen das Instrument endlich mal obenauf.“ |