„The russians are coming!“ - in grauer Vorzeit noch eine Drohung, im Programmheft aber Ausdruck ästhetischer Vorfreude. Zu recht: Igor Butman, von W. Marsalis protegierter Tenorist und Leiter eines Moskauer Jazzclubs, eröffnete mit boppigem Hochdruck den „EuroJazz" - einen kleinen Schwerpunkt der 20. Ausgabe, wie er in den USA kaum denkbar ist. Doch der nördliche Nachbar wähnt sich Europa seit jeher näher.
Ein Frankokanadier vergoss beim Hören Richard Gallianos Tränen, übermannt vom Charme der fernen Heimat. Bereits Festivalleiter Jim Galloway verkörpert als Schotte den transatlantischen Brückenschlag. Nicht minder Lothar Lang, Dortmunder Programmmacher von Torontos bislang erster Mainstream-Adresse, dem Montreal Bistro (!) (drei Tage nach Festival-Ende kündet er vom kostenbedingten Ende des Clubs).
Die Hauptbühne befindet sich in einem von Wolkenkratzern umgebenen Zelt vor der City Hall. Der Rest der 350 Konzerte verteilt sich auf Clubs, Restaurants, Cafes, Hotels und einen geschichtsträchtigen Spielplatz, die Massey Hall. Der Nachwuchs präsentiert sich auf dem Oscar Peterson Place, direkt vor dem Gebäude des Hauptsponsors (ein früherer Tabak-Sponsor war 2000 anlässlich des Nichtrauchergesetzes ausgestiegen).
Zum breiten Angebot - von der Preservation Hall Jazz Band bis John Zorn - gehörte neben US-Stars auch das, wofür Kanada und Toronto seit jeher stehen: Big Bands (Rob McConnell, Dave McMurdo, Hilario Duran), Vokalisten (darunter das „Real Divas"-Projekt: eine Gala, auf der sich 13 (!) Sängerinnen nacheinander vorstellten) und Bassisten (Dave Young, Neil Swainson, Roberto Occhipinti). US-Bassist Christian McBride, verheiratet mit einer Kanadierin, trug ein T-Shirt mit Ahorn-Emblem - eine Verneigung vor dem Land und seiner vitalsten Metropole.
Wessen Biorhythmus erst abends Jazz verträgt, der klettert tagsüber auf den welthöchsten Turm, den CN Tower, schippert auf die Toronto Islands, pilgert zu den nahen Niagara Falls oder bucht einen Inlandsflug mit einer Gesellschaft namens Air Canada Jazz(!!) ... Europäische Auswanderungsgedanken kommentieren Torontonians mit dem Rat, man möge die Entscheidung erst nach einem Winter-Besuch fällen - oder mit einem Titel McConnells: „Even Canadians get the blues!"
Text: Karsten Mützelfeldt |