„Great Black Music“: ein Motto, aus dem die Sechziger sprechen. Kultureller Stolz, politischer Aktivismus, ökonomische Selbsthilfe. So etwa verstand sich die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM), die sich 1965 um den Pianisten Muhal Richard Abrams gruppierte und die im Art Ensemble of Chicago ihre Vorzeigeband fand. Heute, zum 40. Jubiläum, feiert man auf Festivals schwelgend das AACM-Erbe. Aber was ist übrig von der politischen Schlagkraft der Alt-Avantgardisten, wollte Jazz-thing-Autor Johannes Völz wissen und traf die Art-Ensemble-Mitglieder Roscoe Mitchell, Famoudou Don Moye und Jaribu Shahid am Rande des Jazzfestivals in Guelph, Ontario, zum Roundtable-Gespräch. Eines steht nach diesem Interview fest: Auf Konfrontationskurs befinden sich die AACM-Legenden noch immer. Denn mit der Welt geht es rapide bergab.
Don Moye schlägt eine Links-Rechts-Kombination. Schattenboxen, direkt vor dem Gesicht des verdutzten Reporters. Der Drummer des Art Ensemble of Chicago hat vom Pressesprecher des Guelph Jazz-Festivals gerade erst vom Roundtable erfahren, das in diesem Moment beginnen soll. Dabei muss die Band doch eigentlich ins Hotel, dann proben, vorher noch die Instrumente holen und irgendwann auch noch essen. Was denn das Thema sei, knurrt er den Reporter an. „Wie bitte? Die politische Bedeutung der AACM heute? Ich bin schon seit 25 Jahren nicht mehr aktiv in der AACM“. Plötzlich wechselt er ins Deutsche, schleudert reihenweise Phrasen heraus: „Alles klar! Alles in Ordnung? Jetzt oder nie? Was soll das!“ Es ist nicht ganz klar, ob das ein Wutanfall ist oder ein Comedy-Act. Nein, er ist offensichtlich genervt.
Dabei ist seine Band der Headliner des kleinen kanadischen Festivals. Was nicht selbstverständlich ist. Denn nach dem Tod von Trompeter Lester Bowie und Bassist Malachi Favors Maghostut schien das Fortbestehen des Art Ensemble in den letzten Jahren ungewiss. Mittlerweile aber gehören der David-Murray-Bassist Jaribu Shahid und der Nachwuchstrompeter Corey Wilkes zum festen Line-up. Auch das Roundtable kommt schließlich zustande, kurz nach der Probe, im Restaurant. Trotz des erbitterten Widerstandes Don Moyes, der mit der Faust auf den Tisch haut, durchs Restaurant spaziert, Rhythmen auf die Tischkante trommelt und dazwischen das Ende der elenden Fragerei einfordert.
Bevor wir über die politische Bedeutung der AACM sprechen, sollten wir mit einem Missverständnis aufräumen. Die AACM als Dachorganisation und das Art Ensemble of Chicago als bekannteste AACM-Gruppe werden meist in einem Atemzug genannt. Aber für Sie als Musiker, die seit 40 Jahren versuchen, von Ihrer Kunst zu leben...
Roscoe Mitchell: „Versuchen“ ist schon mal falsch. Auch wenn uns Deutschland nicht mehr einlädt, können wir noch ganz gut überleben.
Geschenkt. Aber die AACM als Nonprofit-Organisation konnte Ihnen nur bedingt dabei helfen. Wie haben Sie im Einzelnen von der AACM profitiert?
Mitchell: Wir verfolgen die gleiche Strategie: Das Art Ensemble und die AACM setzen beide auf Kollaboration. Anders hätten wir nicht überleben können. Ich weiß nicht, welches Missverständnis es da auszuräumen gibt.
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