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Blue Rhythm 30
nummer 30
frühjahr 2006

Leben im Retro-Faschismus. Ein Roundtable mit Famoudou Don Moye, Roscoe Mitchell und Jaribu Shahid vom Art Ensemble of Chicago [2/4]

R Mitchell
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Ich fragte nach der praktischen Seite…

Mitchell: Gut, dann lassen Sie es mich so erklären: Die AACM und das Art Ensemble sind wie Individuen. Das macht uns so phänomenal. Als wir 1969 nach Europa kamen, liefen wir unter dem Namen Art Ensemble. Aber wir trugen auch die Flagge der AACM. Sie versuchen, eine Spaltung herbeizureden, die nicht existiert.

Moment mal. Don Moye hat vor dem Interview erzählt, dass er seit Jahren kein aktives AACM-Mitglied mehr ist, und dass die AACM das Art Ensemble nicht mal für einen Gig engagieren könnte, weil sie Sie nicht bezahlen könnte.

Don Moye: Das lässt Sie wohl nicht mehr los, was? Wenn ich es schon vorhin erzählt habe, warum fragen Sie dann jetzt noch mal danach?

Journalstische Grundregel: Es war nicht Teil des Interviews, und es ist nicht auf Band.

Moye: Sie sollten sich so etwas merken können!

Noch mal meine Frage: Wie hat das Art Ensemble of Chicago von der AACM profitiert, ganz konkret?

Moye: Die Zusammenarbeit läuft eben vor allem konzeptionell, sie geht weit über das Ökonomische hinaus. Weil sowieso niemand Geld hat. Wir haben die AACM 40 Jahre lang finanziell unterstützt, die AACM musste jeden Dollar umdrehen. Daran wird sich wohl nichts mehr ändern.

Gut, reden wir über die konzeptionellen Gemeinsamkeiten. Im Zentrum steht der Gedanke, dass sich die Welt durch Kunst verändern lässt. Soweit stimmen wir überein, oder?

Mitchell: Stimmen Sie dem etwa nicht zu?

Doch, doch, verstehen Sie mich nicht falsch …

Moye: Wenn Sie zustimmen, warum fragen Sie dann nach?

Ich persönlich stimme zu, aber darum geht es nicht. Dieser Gedanke ist das Produkt…

Moye: Ich will den Essensgutschein zurück, denen ich Ihnen gegeben habe.

Noch mal, ganz in Ruhe: Dieser Gedanke ist ein Erbe der Sechziger. Ganz Amerika dachte damals so, nicht nur afroamerikanische Künstler. Auch Susan Sontag zum Beispiel…

Moye: …welcher Gedanke jetzt?

Na, dass sich mit Kunst die Welt verändern lässt. Ein paar Jahre vorher galt die Kunst noch als autonomer Bereich…

Moye: Das ist doch die Einstellung des reichen Mannes! Aber sorry, fahren Sie fort.

Hier die Frage, bitte: Dass Kunst die Welt verändert, war ein Gedanke aus der Gründerzeit der AACM. Seitdem ist dieser Ansatz schrittweise zurückgedrängt worden. Haben Sie das zu spüren bekommen?

Mitchell: Kunst ist das Leben. Das ist der Gedanke, von dem wir ausgehen. Für unsere Menschen galt das schon, als es noch kein Art Ensemble gab. Es gibt nur einen Ort, an dem sich die Kunst beweisen kann, und das ist bei den Menschen. Man kann die Kunst nicht einfach bei den Reichen abladen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie antworten damit nicht auf meine Frage, ob…

Moye: …Sie haben schon wieder „verstehen Sie mich nicht falsch“ gesagt. Sagen Sie das nicht noch einmal! Konzentrieren Sie sich, junger Mann!
Shahid: Ich glaube, der Widerstand, nach dem Sie fragen, kommt heute nicht von einzelnen Personen. Es ist eher das kulturelle Klima.
Moye: Nein, das ist ganz falsch. Es ist die neue Macht des Faschismus und der Rückwärtsgewandtheit. Retro-Faschismus! Die Kulturpolitik ist am Ende. Nächste Frage! Wo ist überhaupt Ihre Liste mit Fragen? Legen Sie sie auf den Tisch!

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Leben im Retro-Faschismus - Roundtable zur Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM)