| Ein Kräutergarten ist Naturapotheke, Augenweide und Speisekammer zugleich. Bei einem Streifzug durch einen exotischen Kräutergarten in Berlin ließen sich unser Chef-Gourmet Dieter Ilg und Star-Trompeter Till Brönner von einem orgiastischen Bombardement ätherischer Öle berauschen - und bereiteten hernach ein Mahl, das zumindest das dabei entstandene Hungergefühl erfolgreich heilte.
Nach einer Berlin-Initiation per Bootsfahrt auf dem Wannsee bei herrlichem Augustsommerwetter tuckern wir sonnenbetankt mit einem Kleinwagen gen Süden. Voll bepackt mit diversen Utensilien rangiert Gino Vinci, Chef von Till Brönners italienischem Lieblingslokal in Charlottenburg, das Gefährt immer weiter durch die ausladenden Asphaltpisten der Hauptstadt. Langsam lichtet sich das zivilisierte Dickicht, unsere PC- und Mac-Gespräche beruhigen sich, und die Grünstreifen werden immer einladender. Angekommen.
Wir treten ein, in den Garten Eden, lassen das Städtische hinter uns, tauchen urplötzlich in eine heil anmutende Welt der botanischen Fruchtbarkeit. Hans Peter Hagn, der Küchenchef vom Stella Alpina, und Gastgeber Dr. Ali Moshiri sind bereits an der Küchenzeile in der großen Empfangshalle des Gärtnereigebäudes am Werkeln und heißen uns aufs Herzlichste willkommen im exotischen Kräutergarten. Daneben: Tische voll von trocknender Bergminze. Die ersten Düfte drängen sich in unsere Geruchsrezeptoren, orientalische Teppiche hängen im Raum, die in ihrer Farbgebung unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen versuchen.
Geschlechtliche und nichtgeschlechtliche Fortpflanzung! Sofort stürzen wir uns auf die Erklärungen von Ali Moshiri, weichen weder von seinen Lippen noch von den Pflanzen, die er uns in einem kurzen Rundgang durch seine gedeihenden Anlagen nahe zu bringen versucht. Mit Erfolg: Wir können mit unseren Nasen nicht mehr ablassen von den Blättern und Trieben, den zarten Knospen und Blüten, von einer Riech- und Geschmacksintensität, die ihresgleichen sucht. Zitronenbasilikum, Ananassalbei, persische Flussminze, Vogelmiere, jamaikanischer Thymian, Meerfenchel, Portulak und vieles mehr. Ein orgiastisches Bombardement ätherischer Öle berauscht unsere Sinne. Unfassbar, diese Qualität. Ein Hochgenuss. Gepackt sind wir auch vom leidenschaftlichen Engagement des durch diese zukunftsweisende Welt führenden Pharmakologen. Konzentriertes und fasziniertes Zuhören.
Dieser beeindruckende Mann zeigt uns eine Pflanze, vor der sich die Pharmaindustrie fürchtet und die zum Beispiel für Diabetiker den Zugang zum Paradies markiert: stevia rebaudiana (www.freestevia.de). Ein Blättchen davon genügt, und im Mund explodieren zwei Zuckerwürfel... Mehr werde ich dazu nicht sagen. Till ist hingerissen.
Diese Gelegenheit packt Gino am Schopfe und bindet Till eine rote Küchenschürze um, die optisch fein zum weißen Hemde passt. Jetzt noch ein klassisch blau-weißes Handtuch und die Küchenshow kann eröffnet werden. Die erste Aufgabe des Matadors ist es, die Steinpilze aus regionalen Fundorten der Mark Brandenburg in Scheiben zu schneiden. Unter Obhut von Hans gelingt das prächtig, es spritzt kein Blut. Jeder mit einer Bürste gereinigte Waldbodensprössling wird behutsam in Form gebracht und in die Pfanne geleitet, während wir lustvoll das weitere Vorgehen besprechen. Den Köchen über die Schulter geschaut, die individuelle Vorgehensweise inspizierend. Gino und Hans lenken das Küchengeschehen, und Till braucht nur in den Raum zu starten, die fein gezirkelten Pässchen aufzunehmen und den Ball ins Netz zu befördern. Ein mehrfacher Hattrick ist angesagt. Wir empfehlen unseren Stürmer an Jürgen Klinsmann.
Till schmunzelt und greift sich die Pfanne, um die geschmorten Pilze noch einmal zu schwenken, ihnen den finalen Ölbegleitfilm zu verpassen, den letzten Kick aus den Chilis herauszukitzeln. Währenddessen erklären die Köche die Rezepte des Abendmahls (S. 3). Da bin ich doch gerne Jünger.
Die Perlhuhnteilchen knuspern sich im Ofen zurecht, unter prüfendem Blick von Hans, während Dr. Ali die erntefrischen Kräuter pflückt und auf einer flachen, großen Schale anrichtet. Der erste Gang reift zur Vollendung. Till packt sich die mit den fertig gegarten Steinpilzen angerichteten Perlhühner und schleppt diese unter die Pergola vor dem Haus, auf den gemütlich und rustikal angerichteten Esstisch. Gino öffnet die Weißweinflasche, ein Balestri Valda, Soave Classico aus dem Jahre 2004. Gleichzeitig füllt Hans uns die Teller mit dem Appetit anregenden, getunten Gefieder und dem superb angerichteten Kräutersalat.
Es mundet bestens. Das Bohnenkraut passt so herrlich zum gebratenen Fleisch. So wird die Fleischeslust durch vegetarischen Beischlaf vollendet. Das Fett wird gezügelt und für die körperliche Verwertung veredelt. Moses soll gesagt haben: „Den Weg alles Fleisches gehen.“ Und hinsichtlich unseres Altkanzlers - der mit dem männlichen Ehrenwort - sei dies Sprüchlein gegönnt: „Besser eine Laus im Kohl als gar kein Fleisch“. Klingt irgendwie nach Hartz IV... |