Unter Etiketten wie Sambaloco oder Urban Brazil versuchen Plattenfirmen derzeit, progressive Musik aus Rio und São Paulo an den Hörer zu bringen. Vieles davon klingt allerdings wie eine Wiederauflage von europäischem Drum&Bass der 90er. Die wahre Brasil-Avantgarde spielt sich vielleicht im Kopf eines Mannes mit dem schlichten Namen Otto ab. Der war mal bei der Nação Zumbi und zimmert jetzt seine eigenen Versionen mit anachronistischen Keyboards, Candomblé-Percussion und Schlager-Romantik zu gleichen Teilen.
Loucura ist eines seiner Lieblingsworte. Loucura, Verrücktheit, allerdings im positiven Sinne. Eine schöne Verrücktheit sei das damals gewesen, die Zeit mit Chico Science und der Nação Zumbi, die Zeit des aufkeimenden Manguebeats, jener Musikrevolution in der Nordost-Metropole Recife, die die einheimischen Rhythmen des Maracatú mit Schwermetall legierte.
Wir haben damals abseits dieses Drucks, der im Süden Brasiliens vorherrscht, experimentiert, uns aus diesen Pop-Wettbewerben, die in den brasilianischen Medien dominieren, ausgeklinkt. Der Manguebeat war anfangs wie ein ungezwungener Austausch unter Freunden, doch nachher haben viele Musiker diesen Weg eingeschlagen, hat sich ein Netzwerk entwickelt.
Als Otto in die hippe Szene Pernambucos hineinstieß, hatte er freilich schon einen full circle absolviert. Geboren wurde er als Nachfahre von Holländern und Indios in Belo Jardim, einem Nest im Agreste, jener Übergangsregion zwischen Küstenzone und Sertão. Immer wieder zitiert er Erinnerungen an die Kindheit als prägend, an den Baião, die Musik von Jackson Do Pandeiro und Luiz Gonzaga, jene frühen Popstars Brasiliens.
Aber auch den Samba von Cartola und die romantischen Lieder der Siebziger aus der Plattensammlung seiner Mutter haben sich tief eingeprägt. In Paris betätigte er sich in seiner wilden Zeit als Straßenperkussionist, kam nach zwei Jahren Europa dann nach Rio, wo er sich mit seinem Tamburin in Choro-Sessions verdingte. Und erwischte bei der Rückkehr auf pernambucanischen Boden just den Moment, in dem es mit Nação Zumbi so richtig losging.
Auf den Platten von Chico Sciences innovativem Zirkel ist er allerdings nicht zu hören, denn äußerst kurz war sein Gastspiel bei der Truppe, auch wenn er mit dem Zumbi-Drummer Pupilo den besten Freund und Schlagzeuger der Welt kennen lernte, der bis heute auf seinen Solo-Platten spielt. Mundo Livre S/A hieß die ebenfalls im Manguebeat mitmischende Band, auf deren ersten zwei Werken er zugange war. Während die heiße Bewegung mit dem Tod von Science 1997 merklich abkühlte, machte sich der Perkussionist auf die Solo-Socken, den Kopf voller Ideen, doch fast bar jeden Equipments.
Als ich Mundo Livre verließ, hatte ich nichts. In São Paulo begegnete ich dem Produzenten Apollo 9, der dort als erster mit neuen Soundprogrammen experimentierte. So wurde meine erste Platte ein Hybrid aus der Roots-Seite, nämlich meiner Stimme und dem Tamburin, und der Elektronik auf der anderen Seite. Die Grundlage der Platte ‚Samba Pra Burro ist also Technologie, doch mit einem poetischen Konzept.
Für das unorthodoxe Elaborat hagelte es immerhin gleich mehrere Preise in der neuen Heimat São Paulo. |