Norma Winstone
Stories Yet To Tell
(ECM/Universal)
"Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein", wusste schon Victor Hugo. Es gibt wenige Sängerinnen, die das Fach der lustvoll kultivierten Melancholie so gut beherrschen wie Norma Winstone. Und so ist ihr neuestes Album die passende Begleitmusik für lange Herbstabende, Spaziergänge zwischen fallendem Laub oder Regentage am Kamin. Schon in ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit John Taylor und Kenny Wheeler kommt die Stimme der britischen Sängerin als gleichberechtigtes Instrument zum Einsatz. Diese Kunst des Natürlichen und Unprätentiösen, des Sich-Einfügens in den musikalischen Kontext, reift nun in der Zusammenarbeit mit dem Pianisten Glauco Venier und Klaus Gesing, der zwischen Sopransaxofon und Bassklarinette wechselt, zur Vollendung. Die Inspirationen für das fein gezeichnete, äußerst präzise und kammermusikalisch empfindsame Zusammenspiel umfassen ein Volkslied aus dem Friaul, ein armenisches Wiegenlied und einen mittelalterlichen Troubadour-Gesang. Aber auch eine Wayne-Shorter-Komposition und eine wundervolle Adaptation eines Bigband-Stücks von Maria Schneider werden organisch in das Klangkonzept des Trios eingefügt. Ein melancholisches Vergnügen ersten Ranges, das den Hörer berückt und erfüllt zurücklässt.
Falko von Ameln, Jazz thing 85
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