Sandra Weckert

Da hatte ich doch letzte Woche einen Gig im Schloss. „Get together“ nennt man das heutzutage – auch in Deutschland. Gesucht: eine Saxofonistin, die als schmückende Ergänzung der Einrichtung nicht zu laut spielend durch die essenden Leute geht und so „bisschen Sound“ macht. Die Gage ist astronomisch für meine Verhältnisse. So viel verdiene ich sonst in einem halben Jahr, das gut läuft. Ob ich auch „Blue Bossa“ spielen kann? Ich erkläre diesen alten Schinken zu meinem Lieblingsstück, verabschiede mich von meinen Hartz-IV-Empfängern, denen ich täglich Deutsch beibringe, um zu überleben, borge mir ein Auto von einem Freund, ein Outfit von einer Freundin und mache mich auf den Weg. Beim Parken fällt mir als erstes das Herausstechen meines fahrbaren Untersatzes auf. Wie soll ich es formulieren? „Für Italiener ausreichende Technik meets Porsche.“ Die Runde geht an mich.

Die Angestellten sind nett. Sie begrüßen mich mit: „Hoj! Da kommt die Musi!“ Genau, ich bin die personifizierte Musi. Während die Leute sich so versammeln und auf die unvermeidliche Ansprache warten, die natürlich nicht fehlen darf, studiere ich das Realbook und frage mich verzweifelt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, zu studieren. Dann könnte ich die jetzt wenigstens auswendig, verdammt!

Und dann geht es ans Eingemachte. Spiel um dein Leben, Mädchen! Während ich an die grinsenden Gesichter meiner Kollegen und ihre spitzen Kommentare: „Du und leise spielen – das KANNST du doch gar nicht!“ denke, beginne ich mit meinem neuen Lieblingsstück: „Blue Bossa“ YEAH!!! Eine Runde rum, während das Boeuf Wellington gepflegt zerschnitten in perfekt geschminkten Mündern verschwindet. So stell ich mir meinen Lebensabend vor. „Schmückende Ergänzung der Einrichtung mit Saxophonzubehör“.

Als ich beim 3. Chorus über „There is no greater love“ angelangt bin, haut mir ein beleibter, rotgesichtiger, leicht angetrunkener Mann derartig auf die Schultern, dass mir fast das Mundstück im Nacken wieder rauskommt. Er röhrt: „Fantastisch, Mädel! fantastisch! Ich geb dir einen aus! Also, du kannst ja blaasen, ha ha! Da träumt ja der Führer von, ha, ha!“ Er packt mich leutselig um die Schultern und führt mich in einen separaten Raum, wo seine Kumpels warten, neun an der Zahl, alle gleiches Kaliber. Sie trinken Bier, auf mich wartet ein Rotwein. Mein neuer Freund kommt direkt zur Sache: „Also weeßte Mädelken, ick hab mir gefragt, ob ich nicht auch so blasen könnte wie du? Kannste mir det nich beibringen?“ Röhrendes Gelächter, allgemeines Schulterklopfen. „Wir haben uns gedacht, wir machen einen Deal. Wenn du es in zwei Stunden schaffst, mir die Melodie, die du eben gespielt hast, beizubringen, gehört das hier dir.“

Er nickt seinen Kumpels zu, die öffnen alle ihre Brieftaschen und jeder schmeißt wie beim Pokern 500 Euro auf den Tisch. Mein neuer Schüler grinst und sagt: „Watt sagste?“ Allgemeine gespannte Ruhe, 10 Augenpaare ruhen auf mir. Oh Mann! Ich bin überfordert! Gibt’s hier keine Bedenkzeit?….. Im Zweifelsfalle gar nichts sagen, lieber irgendetwas fragen. Also: „Sie wollen, das ich Ihnen beibringe, „Blue Bossa“ auf meinem Saxofon zu spielen, in zwei Stunden – und das ist alles, wirklich alles?“ – „Jaaaaa!“ röhrt er vergnügt: „Und zwar hier und jetzt gleich.“

Ich höre mich sagen: „Ich möchte einen Flipchart mit weißem Paper, bunte Stifte, dicke Eddings und zwei Liter Wasser, dann geht es los.“ Wie durch Zauberkraft öffnen sich Türen und eifrige Angestellte schieben das Gewünschte in den Raum. Ich enthake mein Alto und lege es auf einen Tisch, während ich mir eine Geschichte ausdenke. Mein neuer Schüler hat sich inzwischen gesetzt. Ganz der Vollprofi, greife ich mir zwei Stifte, den Flipchart und den Mann. Ich ziehe ihn aus seinem Sessel hoch neben mich und vor seine Kumpels, schaue ihm direkt in die Augen, während ich ihm zärtlich meinen Saxofon-Strap über seinen fetten Hals ziehe, wobei ich auf Haut- und Augenkontakt Wert lege. Es funktioniert. Kommunikationstraining ist eben doch Manipulationstraining…

Zärtlich beginne ich: „Sie haben sich ein sehr einfaches Stück ausgesucht, ich bringe es Ihnen in einer halben Stunde bei, nicht in zwei. ‚Blue Bossa‘ ist von drei Brüdern geschrieben worden, die alle Tänzer in Brasilien sind. Sie leben zusammen in einem Haus in Bahia. Dieses Haus hat drei Stockwerke. Eines Morgens steht der älteste Bruder, der ganz oben wohnt, auf und tanzt einmal durch sein ganzes Stockwerk. Er dreht seinen Körper wie eine Ballerina, geschmeidig, anmutig und elegant. Am Treppenabsatz zum zweiten Stock greift er sich eine griechische Vase und wirft sie lachend seinem im zweiten Stock wartenden jüngeren Bruder zu, der sie mit Eleganz auffängt und durch sein Stockwerk tanzt, den Bruder dabei genau in Schrittfolge und Körperhaltung imitierend. Unten wohnt der Kleine, der immer nur Flausen im Kopf hat. Jetzt möchte er mitspielen. Er fängt die Vase ebenso galant wie sein älterer Bruder, imitiert auch die Schrittfolge und Körperhaltung genau bis zur Mitte des Erdgeschosses, um dann eine Pirouette zu drehen, den Fuß graziös vor die Tür zu setzen und mit einem Salto durch die Tür auf der Wiese vor dem Haus zu landen, wo eine Menge junger Mädchen auf das Erscheinen der drei warten. Der Jüngste bekommt natürlich den größten Applaus. So weit klar?“

Es ist Stille im Raum eingekehrt. Nur die Zigaretten qualmen vor sich hin. Ich habe soeben ein Haus mit Strand, Palmen, drei lachende schwarze Tänzer und die Tonfolge in unterschiedlich hohen und unterschiedlich langen Strichen an den Flipchart gemalt. „Der erste Bruder singt: La laa la la la laaaaa… la laaa, laaa, laaa… Singen Sie mit ihm. Können Sie ihn sehen?“ Der Mann singt und er macht es richtig!! Unfassbar! Doch jetzt ist keine Zeit, um sich zu freuen, der schwierigste Teil kommt noch. Gleiches Spiel mit dem mittleren und dem kleinen Bruder. Dieser Mensch ist so in der Geschichte „drin“, dass er gar nicht merkt, dass er das Stück bereits singen kann. „Noch mal“, ermuntere ich ihn. „Noch mal von vorne!“ Er steht da mit geschlossenen Augen, den Strap auf seinem Bauch und singt „Blue Bossa“ –korrekt! Ich glaub’s einfach nicht.

Währenddessen ziehe ich mein Mundstück von meinem Alto und klicke das Horn in den Strap, justiere es auf die richtige Höhe. Rechte Hand nach unten, linke nach oben, Augen nicht öffnen, weitersingen!! Es läuft wie am Schnürchen, niemand sagt auch nur einen Ton. Man hört nur „Blue Bossa“ – immer und immer wieder. Ich greife seine Finger und lege sie auf die Klappen. Ich flüstere in sein Ohr: „Jetzt studieren wir nur die Bewegungen des Ältesten: e – Oktave – d – c – h – aaaa – g – f – Oktave e – deee.“ Während ich die Melodie singe, drücke ich meine Finger auf seine Finger. Zehnmal, immer wieder, während wir gemeinsam singen und ich den Tänzer und seine Bewegungen in immer wilderen Farben ausmale. Als ich merke, dass er das gerafft hat, mache ich das gleiche Spiel mit dem mittleren und dem jüngsten Bruder. Mein Schüler scheint in eine Art Trance verfallen zu sein. Er schwankt vor und zurück und drückt die Klappen meines Horns in immer wiederkehrender, absolut korrekter Reihenfolge. Jetzt ist der Punkt gekommen, ihn es spielen zu lassen. Er nimmt das Horn in den Mund und sagt: „Da duu, dududut duu. Duu duu duu duuuuuuh!“ Auch das hat er jetzt so oft getan, dass es ihm total leicht fällt. Ich lasse ihn ein paar Durchläufe spielen und setze dann das Mundstück drauf. „Oben Zähne drauf und unten locker lassen… die Lippen schließen.“ Ich lege meine Hand auf seinen Bauch. „Atmen Sie hierhin, in meine Hand.“ Er tut es, aus dem Horn kommt nur heiße Luft, zweimal, dreimal, viermal, dann ein Fiepen, Schweißperlen auf seiner Stirn. Ich sage: „Denken Sie an Bahia, an Rhythmus, Tänzer, Sonne und Strand, lassen Sie los…. Sie können es jetzt schon spielen.“ Er setzt noch einmal an und dann…

Nun ja… er hat es sicher nicht so toll gespielt wie Joe Henderson auf der „Page One“, aber man konnte es erkennen. Eindeutig: Blue Bossa.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich trank eine Flasche Wasser in einem Zug leer, war um 5.000 Euro reicher und setzte mich mit dem Gefühl ins Auto, dass mir die Geschichte sowieso keiner glauben wird. Aber wahr ist sie trotzdem.

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11 Kommentare zu „5000 Euro für Aschenbrödel“

  1. Na, das ist ja eine schöne Geschichte über Kommunikation, Manipulation, Business-Meetings, den Alltag von Jazzmusikern, Männergehabe, Alkoholkonsum, Käuflichkeit etc.

    Früher dachte ich, dass es für einen Jazz-Musiker unter seiner Würde ist, bei einem Empfang, Get-Together, etc. nur den Raum akustisch strukturieren zu dürfen/sollen.

    Heute, da ich ab und an selbst Musiker (in der Regel Klassik und Jazz) engagiere wenn ich solche Veranstaltungen organisiere, sehe ich das ein wenig anders.

    Erstens ist es allemal prima, wenn gute Jazz-Musiker, die sich in Deutschland nur mühsam ernähren können, Einkünfte haben. Zweitens hat die Hintergrundmusik was mit dem Image des veranstaltenden Unternehmens zu tun und muss daher Qualität und Stil haben. Drittens sind immer ein paar Leute da, die die Musik wirklich zu schätzen wissen. Viertens nutze ich ganz egoistisch die Möglichkeit, Live-Musik -nach meinem Gusto- engagieren und hören zu können. Darüber hinaus bringt man dem einen oder der anderen, der/die bisher Berührungsängste mit Jazz hatte, diese wunderbare Welt vielleicht ein wenig näher.

    Deine Geschichte mit den 500,- Euro halte ich für grenzwertig. Bestätigt es nicht den Irrglauben einiger Wohlhabenden, Stil, Kultur (oder gar Liebe, was allerdings mit Deiner Geschichte hier jetzt nichts zu tun hat) kaufen zu können?

  2. Hallo Chrisfried,

    danke für dein Feedback. Ja… natürlich ist die Geschichte absolut grenzwertig. Ich hab einfach aus dem Bauch heraus gehandelt. „Kaufen“ kann man weder Stil, noch Kultur, noch Liebe. Ich bin ganz deiner Meinung. Es war ein Experiment das auch ganz anders hätte laufen können.
    Rückblickend glaube ich das das Ganze als „Joke“ gemeint war weil die Anwesenden dachten sie würden mir eine unlösbare Aufgabe stellen und ihr Geld sowieso behalten. Der Rest hat sich dann einfach so entwickelt und sie letzten Endes sehr überrascht. Allerdings nicht unangenehm. Die ursprüngliche Intention war also nicht Stil, Kultur oder gar Liebe zu kaufen sondern rauszufinden ob man Saxophon spielen lernen kann und wenn ja, in welcher Zeitspanne.

    Bestes

    Sandra

  3. Experiment gelungen – Kompliment an den Bauch. Deine Story hat mir echt gut getan. Nicht nur weil ich Dir jeden Cent herzlich gönne oder weil es schön ist, wenn Ignoranz und Arroganz mit Können in die Schranken verwiesen wird, sondern weil aus den Zeilen – Blue Bossa hin, Blue Bossa her – echte Begeisterung für die Musik sprach – die sich offenbar übertragen hat. Wenn nur bei einem oder zwei der 10 Herren etwas von Deiner Begeisterung hängen bleibt, wenn ein paar der gesungenen Töne im wahrsten Sinne des Wortes nachklingen, dann warst Du an diesem Abend eine echte Botschafterin in Sachen Jazz. Vielleicht bekommt ein Jugend-Jazz-Projekt wegen Dir bei der nächsten Sponsoranfrage eine Zu- statt einer Absage. Mehr kann man bei einem solchen Get-Together wahrlich nicht erreichen. Hut ab.

  4. Liebe Frau Weckert,

    nächste Woche haben wir Familientreffen. Wenn Sie es schaffen meiner Schwiegermutter „goasts: first variations“ von Albert Ayler beizubringen, wäre ich bereit 50.000 EUR auf den Tisch zu legen.

    Bitte rufen Sie mich an.

  5. Lieber Herr Duke,

    wie alt ist Ihre Schwiegermutter? Wer sind Sie? Wo ist das Familientreffen? Wieviel Zeit habe ich? Hat Ihre Schwiegermutter schon mal was von Albert Ayler gehört? Kann sie ein Instrument spielen? Anrufen ist gut… welche Telefonnummer? Vielleicht mal direkte Kontaktaufnahme per mail? Jetzt weiß ich gar nicht ob ich meine email adresse hier überhaupt reinschreiben darf… ist aber auf meiner Homepage zu finden unter http://www.sandraweckert.de Nur das Thema oder auch die Improvisation? Schlagzeug- und Bassstimme auch? Ausnotiert? Oder eher frei? Steht Ihre Schwiegermutter auf Albert Ayler? Fragen über Fragen. BITTE NEHMEN SIE KONTAKT MIT MIR AUF!!!!!!!!!! Und 50.000 Euro sind definitiv zu viel… ich nehme nicht an das Sie so eine Art Multimillionär sind oder so was?????

  6. Ich probiers mit meiner Posaune für sagen wir 20.000,-

  7. Lieber Chrisfried,

    bitte schnapp mir nicht diesen tollen Job vor der Nase weg. Laß uns teilen! Wir machen es zusammen.. du kriegst 25.0000,- und ich auch. Okay?

    Bestes!

    Sandra

  8. Hallo,
    mein Name ist Elke, ich bin elf Jahre alt und biete Dir 16,50 EUR aus meiner Sparbüchse, wenn Du meinem Hamster Karl „Cotton Tail“ auf der Gitarre bei bringst. Bitte melde Dich bei meiner Mutter, weil ich die ganze Zeit chatte.
    Deine Brieffreundin Elke

  9. Liebe Elke,

    hm… sorry… da kann ich dir nicht weiterhelfen. Das Hirn eines Hamsters unterscheidet sich grundlegend von dem eines Menschen. Wenn du rausfinden willst was der Unterschied ist empfehle ich dir Tony Buzan (ein Gehirnforscher). Wenn du den Mann auscheckst wirst du verstehen warum ich deinen Kommentar einfach als schwachsinnig erachte und keine Ahnung habe warum du sowas schreibst…

  10. Vorsicht, liebe Sandra, manches Menschenhirn ist sicherlich nicht viel größer und leistungsfähiger als das eines Hamsters – mit anderen Worten gesagt: Spatzenhirne in menschlichen Schädeln gibt es viele.

  11. Was für eine Geschichte! Und was Sie für eine faszinierende Person sind! Ich bin über Ihr Interview zur Organisationsentwicklung hier rauf gestoßen und habe großen Respekt vor Ihrer Schlagfertigkeit.
    Ehrlich gesagt finde ich die Geschichte gar nicht grenzwertig. Der Herr wollte ja keine Kultur kaufen sondern Wissen und Können. Nun vielleicht war die Bezahlung etwas hoch, allerdings für die Unterhaltung, die Sie geboten haben, dann doch irgendwie wieder angemessen. Schließlich haben Sie ihm das Lied nicht einfach nur „normal“ beigebracht…

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