
Muggen
„Würdest du mir für zehn Euro dabei zugucken, wenn ich mir einen runterhole?“, so fragte mich der Typ im Treptower Park, als ich gerade auf dem Weg zum Zug zu meiner ersten professionellen Mugge auf dem 24. Volksfest in Hinterputzinghausen mit der Coverband „Electric Lightning!“ war. Was mich noch mehr überraschte, war die Tatsache, dass er mein vehementes „NEIN!“ mit „Ach so. Na, trotzdem danke schön! Und einen schönen Tag noch!“ kommentierte.
Freaks gibt es überall. Ich weiß.
Beladen mit Rollkoffer, Alto über der linken, Handtasche über der rechten Schulter und Sopran in der rechten Hand, zwänge ich mich in ein Abteil des ICE von Berlin nach Stuttgart. Links und rechts von mir sitzen – jeweils 24 auf der linken und 24 auf der rechten Seite – wahnsinnig wichtige und absolut uniforme Geschäftsleute. Alle mit Schlips und Kragen, alle makellos, alle mindestens zwei Handys und einen Laptop, über den sie sich angestrengt beugen. Wenn sie mich eines Blickes gewürdigt hätten, hätten sie festgestellt, dass ich in ihr Abteil passe wie die Marx Brothers ins Weiße Haus. Raumschiff Enterprise lässt grüßen.
Bei Lichte betrachtet, war die arktische Kälte, die in diesem Abteil herrschte, noch das zu bevorzugende Ambiente gegenüber jenem, das ich in der sich anschließenden, zweistündigen Fahrt von Stuttgart nach Hinterputzinghausen erfahren durfte. Aber man weiß ja nie das zu schätzen, was man gerade hat, wenn man sich nicht ausmalen kann, dass es immer eine weitaus schlimmere Alternative gibt.
In besagter Regionalbahn gibt es ein vor Dreck und überquellenden Mülleimern stinkendes ehemaliges Raucherabteil für mich. Hörner verstauen, nicht umgucken. Mir gegenüber sitzt ein circa 17 Jahre altes, stark überschminktes blondes Mädchen mit ordentlichem Haar, tiefem Dekolleté und blauer Jeans, sehr schlankes und attraktives Äußeres. Per Tunnelblick hat sie sich komplett aus der sie umgebenden Außenwelt ausgeklinkt. Voll und ganz auf ihren Laptop konzentriert, schaut sie eine Soap. Welche, weiß ich leider nicht. Kenne keine.
Hinter mir zwei Twens, die sich gegenseitig in einer exorbitanten Lautstärke die neuesten Klingeltöne vorspielen. II: „EIIIIIH, Alter… jetzt geh doch mal ran! Hier ist dein Telefon! Telefon! Telefon!“ (Kurze, schrecklich schreiende Musik.) EIIIIIH, Alter… jetzt geh doch mal ran! Hier ist dein Telefon! Telefon! Telefon!“ :II „Ich hab noch nen Besseren!“, tönt sein Kumpel, und aus seinem Handy erschallt der furchtbare Schrei einer Frau aus irgendeinem Horrorfilm. Wir sind in der Szene, in der sie barbarisch abgeschlachtet wird und das Blut nur so spritzt.
Am besten gefallen mir die beiden Fußballfans. Der eine, ca. 45 Jahre alt, hat sich schon vor Jahren ein One Way Ticket Richtung Totalabschuss gekauft und ist kurz vorm Ziel. Sein jüngerer Kumpel unterhält ihn mit Geschichten darüber, wie sie letztes Wochenende beim Spiel gegen den Erzfeind das gesamte Stadion niedergeknüppelt hätten. „Des woar geil!!!“ Ich glaube, das war es, was er sagte. Beide sind mit einem derart hohen Alkoholpegel ausgestattet, dass die Qualität ihrer verbalen Äußerungsversuche an die Geräusche von Muttersauen erinnert, welche es sich gerade am Trog gutgehen lassen. Manchmal gibt es auch noch einen Konsonanten, aber man muss ihn suchen. Was passierte, nachdem sich der ältere der beiden in den ohnehin schon bis zum Bersten vollen Mülleimer übergab, entzieht sich meiner Kenntnis. Mein heutiger Arbeitsplatz lag zu meinen Füßen.
Helmut, mein 50-jähriger, mit Lederjacke und grauem Pferdeschwanz verschönerter Arbeitgeber, begrüßt mich überschwänglich. Er wär ja soooo froh, dass ich kommen konnte, und ich kann auch wirklich singen und auch noch Saxofon spielen und auch noch alles… und das ist ja soooo toll und wo ich denn die letzten zehn Jahre seines Lebens gewesen wäre und so. Er übergibt mir die Notenmappe meines Kollegen. Schlagzeug und Bass kommen vom Band, er am E-Piano und sein Kollege Günther an der elektrischen Gitarre. Sie spielen seit zehn Jahren dasselbe. Die Setlist ist vorprogrammiert, alles perfekt notiert und nummeriert, und ich soll einfach immer einen Takt nach dem anderen spielen. Seite 1 bis 275. Und wenn sie dann noch mehr wollen und mehr zahlen (er grinst mich an), fangen wir einfach wieder von vorne an. Hahaha!
Ich blättere durch. Nenas „99 Luftballons“ neben „Da steht ein Pferd auf dem Flur“. Dann „Strangers in the Night“ und „YMCA“. Der Mensch, der diese Setlist geschrieben hat, muss ein Genie sein!
Günther ist ein blondbesträhnter Mittvierziger Vokuhilamioliba, bekleidet mit bis zum Bauchnabel offenem weißen Rüschenhemd, schwarzer Lederhose und Cowboystiefeln. Er ist gerade beim Soundcheck und alles, was aus den gigantischen Boxen da auf der Freilichtbühne dröhnt, ist der Sound irgendeines vollkommen authentisch von ihm nachgespielten Gitarrensolos von Bob Klose. Vor der Bühne steht eine Frau mit blonder Mähne und schreit verzweifelt: „Die Gitarre ist zu leise!!!! DIE GITARRE IST ZU LEISE!!!!“ Das ist Karin, Günthers Frau.
Nachdem ich alles aufgebaut und meine Cases verstaut habe, mache ich noch einen Bummel über den Rummel, bevor es in einer Stunde losgehen soll. Ich soll mir per Essensmarke „das holen, was mein Herz begehrt.“
Es gibt Steak, Rostbratwürste, Knoblauchbrot, Crêpes, in einer braunen Soße zusammengekochte Champignons, Mutzen und Zuckerherzen. Weiterhin: Steak, Bockwurst, Knoblauchbrot, Crêpes, in einer braunen Soße zusammengekochte Champignons, Mutzen und Zuckerherzen. Als Alternative: Steak, Wiener Würstchen, Knoblauchbrot, Crêpes, in einer braunen Soße zusammengekochte Champignons, Mutzen und Zuckerherzen. Was allen Ständen gemeinsam ist, ist die ohrenbetäubende Beschallung mit einer Lärmmischung aus hämmernden Technobeats, alten Orgeln, schreienden Hupen, Madonnas „Like a Virgin“ auf 5.000 Phon und schreienden, kreischenden, angetrunkenen, schlecht gekleideten oder total aufgemotzten Menschen. Ein Verkäufer in einem Kinderkarussell fällt mir auf, der in seinem Glaskasten wie ein 17-jähriger menschlicher Mutant einer ehemaligen Qualle hockt. Er verfügt über einen Gesichtsausdruck, der grenzenlose Langeweile und tiefste Depression nicht nur erfahren, sondern gelebt hat. Vor seinen stumpfen Augen jubeln die Kinder und winken begeistert aus ihren Elefanten, Dinosauriern, fetten Bienen und bunten Schmetterlingen. Ein Stoß eines angetrunkenen Mannes schüttet mir die Pilzpampe über die Hand und erinnert mich daran, dass es Zeit ist, auf die Bühne zu gehen.
Vor der Bühne laufen immer mal wieder so Leute hin und her, während wir spielen. Ein Stückchen weiter hinten sitzen ein paar Besucher unter großen Sonnenschirmen und trinken Bier, flankiert von Steak, Knackwürsten, Knoblauchbrot, Crêpes, in einer braunen Soße zusammengekochten Champignons, Mutzen oder Zuckerherzen. Zuhören tun auch zwei, glaub ich.
Kurz vor dem Saxofonsolo von Grönemeyers „Halt mich!“ packe ich meine Hörner ein und will gehen. Je weiter ich mit dem Einpacken vorankomme, desto langsamer werden meine Aktionen, denn Helmut reagiert über sein Mikro mit immer lauteren Anfeindungen gegen mich… was ich mir einbilde und ich könne doch jetzt nicht einfach gehen. Seine Wut steigert sich innerhalb kürzester Zeit bis zu öffentlich übers Mikro geschrienen Sätzen wie: „Dir zahl ich keine Gage, du dumme Kuh!“
Endlich: Die Leute wachen auf. Gespannt verfolgen sie die Entwicklung von Helmuts hochrotem Kopf und Schreiattacken, während ich ganz in Ruhe und genießerisch meinen Soprankoffer schließe. Auf seinen letzten Satz: „Du hast doch eine Verantwortung gegenüber den Leuten, die hierhergekommen sind, um Spaß zu haben!!!“ folgt eine erwartungsvolle relative Stille, die ich wie folgt kommentiere: “ Helmut! Du bist ein Philosoph!“
Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit.










Und ich dachte schon nach dem vielversprechenden Anfang, endlich schreibt ein Musiker mal über seine eigene Spezies und setzt sich auseinander mit seinem Beitrag zur Gesellschaft … Denn letztendlich macht ein Musiker/-in doch auch nichts anderes als mit einem Werkzeug (= Instrument) sich einen runterzuholen (= Solo) und dafür Geld zu verlangen (= Gage)…
Viele Gruesse
Stefan
Hallo Stefan,
tut mir leid, wenn ich dich nach dem „vielversprechenden Anfang“ enttäuscht habe. Für mich glich dieser Satz einem phänomenal gut platzierten Schlag in den Unterleib. Es hat fast eine Stunde gedauert, bis ich mich davon erholt hatte.
Wenn du mit Musiker und seinem Werkzeug (= Instrument) sich einen runterholen (= Solo) und dafür Geld zu verlangen (= Gage) assoziierst, kannst du unmöglich schon mal in einem Konzert meiner Band „Lo & Behold“ gewesen sein, denn bei uns macht das nicht ein einziger von den Leuten, die auf der Bühne sind.
Falls du jetzt denkst, dass ich Werbung für mich selbst mache, gib mir Bescheid, wann du mal Lust hast, diese Erfahrung zu machen. Denn solltest du das nach dem Konzert immer noch generell auf alle Musiker beziehen gebe ich dir höchstpersönlich nach dem Konzert den Eintritt zurück und zahle dir noch 10 Euro drauf.
Viele Grüsse!
SanRa
Der Anfang ist sehr gut. Ich dachte, dass endlich mal eine Musikerin über diese sexistischen Jazzszene mit ihrem Männerwahn berichtet. Aber dann wurde ja viel über essen geredet (nach der Kotzszene). Das fand ich auch gut. Ich koche gerne Pilze. Die wachsen im Moment sehr viel im Wald. Die zehn EUR hätte ich gerne. Ich habe mir ein paar Samples von Deiner Band bei Amazon angehört. Du kannst das Geld überweisen, denn ich habe die Songs von Grönemeyer und Bono nicht wiedererkennen können. Am Schluß der Geschichte hätte ich mir gewünscht, dass der Affe von der Geisterbahn Helmut auffrist und die Knochen auf den Grill legt, ohne dass es einer merkt. Du bleibst natürlich trotzdem meine Lieblingsautorin.
Das mit dem Publikum und dem Setting hat man nicht immer im Griff. Das mit den Mitmusikern schon. Offensichtlich hättest du besser hinschauen müssen was für eine Band da am Start ist.
Ich finde, während eines Konzertes von der Bühne zu gehen, nur weil das Publikum schlecht ist und die Musik auch, ist schlechter Stil. Hättest du vorher sehen müssen!
Für den Exhi vom Park können die jedenfalls nichts…
Ich muss Chrisfriend bei alle Symphatie zu Frau Weckert leider unterstützen. Ich habe in meinem Jazzclub bereits zwei Hausverbote gegenüber Musikern ausgesprochen, die sich geweigert haben bei ihren Konzerten Stücke aus dem Realbook nach meiner Wahl zu integrieren. Ich nenne das MANGELNDE BERUFSAUFFASSUNG. In diesem Sinne danke ich Chrisfied für seine (meiner Ansicht nach) intelligentes Statement.
Paul K.
Hi Chrisfried,
ich finde nicht, dass die Musik von Grönemeyer oder Nena „schlecht“ ist. Ich fand auch das Publikum nicht „schlecht“. Nach Marshall B. Rosenberg gibt jeder Mensch in jeder Situation immer sein Bestes. Ich genauso wie die Fußballfans, Helmut oder das Publikum, der Exhi oder die Geschäftstypen.
Die Geschichte ist doch einfach nur wahnsinnig komisch, das ist alles. Stell dir vor, du wärst ein Alien und guckst mit einem riesiegen Teleskop auf den Teil der Erde, auf dem sich dies gerade abspielt. Ich glaube, dann würdest du dich kugeln vor Erheiterung and That’s it!
Bestes!
SanRa
Klasse geschrieben!!!
Und ich find’s schön, daß Du das alles mit Humor siehst. Hast wirklich einen tollen Schreibstil.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Für Musiker gilt as freilich nicht.
@ paul köhn
hahaha… wenn du wirklich eier hast, paule, dann teil doch
dem geneigten hörer mal mit, um welchen jazzclub es
bei dir geht. das kann nur eine traurige schänke sein.
weisst du, warum die anderen musiker auf deine vorschläge
eingehen? weil sie die paar flocken, die du ihnen zahlst,
wahrscheinlich zu nötig haben.