Anke Helfrich

Es ist Mai… Spargelzeit! Von befreundeten Kollegen wurde ich kürzlich zu einem Abend mit köstlichem Spargelrisotto und exzellentem Weißwein eingeladen, ein paar Tage später gab es die grüne Variante als kalte Vorspeise, am Wochenende dann Spargelcremesuppe im Jazzclub Bix und vor unserem Konzert in Wiesbaden Stangenspargel mit neuen Kartoffeln und Sauce Hollandaise. Wer meint, ich könnte keinen Spargel mehr sehen, der irrt! In ein feuchtes Tuch gewickelt wartet das Königsgemüse im Kühlschrank auf seine Weiterverarbeitung. Serviere ich es heute vielleicht einfach nur mit zerlassener Butter, mit gekochtem Schinken, oder in dünne Pfannkuchen gewickelt? Als Dessert gibt es jedenfalls frische einheimische Erdbeeren mit Vanilleeis und etwas rotem Pfeffer.

Kommt es nur mir so vor, oder sind die meisten Jazzmusiker Weinkenner, Gourmets und oft auch ausgezeichnete Köche?

Letzten Sommer verbrachte ich eine Woche in Italien – und zwischen den Proben und Konzerten drehte sich alles um eins: Essen und Trinken. Jeder der Männer konnte wunderbar kochen. Es war eine Selbstverständlichkeit, sich täglich abzuwechseln und über Ingredienzen und unterschiedliche Garzeiten auszutauschen.

Ich kann mich noch an die Zeiten in Holland erinnern, als wir bei manchen Gigs vor dem vierten (ja dem vierten) Set mit einem „Uitsmijter“ abgespeist wurden. Das heißt übersetzt „Rausschmeißer“ und kann hier gerne wörtlich genommen werden! Ein Stück Weißbrot mit Schinken, Gouda und glibberigem Spiegelei, das wir dann zwischen Küche und Bühne im Stehen hinunterschlingen mussten.

Wenn ich mich mit Kollegen an gemeinsam gespielte Konzerte erinnere, dann wissen wir meist noch ganz genau, was es jeweils zu essen gab. Woran liegt das? Nimmt man eine gute Verköstigung als größere Wertschätzung des Veranstalters wahr, oder ist es das Geschmackserlebnis an sich – oder gibt es noch andere Gründe?

Seit vielen Jahren spiele ich mit einer Band in der Schweiz und jedesmal freuen wir uns ganz besonders auch auf das Essen: Nüssli- nein, Märretsalat, oder doch das Kürbiscremesüppchen mit Sahnehaube? „Letztes Jahr war der Red Snapper das Highlight, aber dieses Mal fange ich mit dem Lammcarré an“ – so wird es dann schon auf der Hinfahrt beschlossen.

Auch auf sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook, findet man auf den Profilen vieler Jazzmusiker Fotos von Speisen. Zum Teil selbst zubereitet oder aufgenommen während ausgedehnter Tourneen durch aller Herren Länder. Meist mit dem iPhone fotografiert und einem Untertitel kredenzt. Je nach Persönlichkeit, werden dann entweder die miserabelsten oder die tollsten und ausgefallensten Mahlzeiten präsentiert und kommentiert. Es werden Kochrezepte ausgetauscht und Empfehlungen zu bestimmten Restaurants in bestimmten Städten ausgesprochen – in der jeweiligen Landessprache versteht sich. Heute las ich gerade einen Post, ob man im Moment überhaupt noch Fisch und andere Meerestiere essen könne, welche vegetarischen Alternativen es gibt und wie sie zubereitet werden.

Kochen und Improvisieren hat ja viele Gemeinsamkeiten: es ist etwas Kreatives, es kann durch den Moment und Gefühlszustände beeinflusst werden (erwähnt sei hier zum Beispiel das Verliebtsein – was es beim Kochen und Musizieren bewirken kann ist bekannt), beides ist flüchtig (naja, wenn man mal vom Hüftgold oder den CD-Silberlingen absieht) und man kann es auch kombinieren und eben beim Kochen improvisieren oder beim Spielen den Saal zum Kochen bringen…

Wenn eine Band wirklich gut spielt, sagt der Amerikaner „it’s cooking“, „steaming“ oder „smoking“. Dem entsprechend gibt es viele Plattentitel wie „Cooking With The Miles Davis Quintet“, „Cookin‘ At The Continental“, „Smoking At The Halfnote“ oder auch „The George Benson Cookbook“.

Es gibt CD’s mit Rezepten im Booklet und natürlich ganze Kochbücher mit ausschließlich Rezepten von Jazzmusikern. Eines dieser Bücher zeigt als Coverfoto den Pianisten George Shearing mit Kochmütze und einem Messer in der Hand, dessen scharfe Klinge allerdings nach oben zeigt! Sehr amüsant, wenn man weiß, dass er blind war und sehr viel Humor hatte.

Dann gibt es hier bei Jazz thing die Reihe „jazz cooks“, für die ich auch mal recht euphorisch einige Kürbisse entkernt habe.

Es ist schon eine Weile her, da habe ich kurz vor dem Soundcheck den Fernseher angeschaltet und durfte zusehen, wie Till Brönner bei Alfred Biolek leckere Lammkoteletts zubereitete. Ein anderes Mal sah ich einen Jazzgitarristen, der seine Kochkunst in der Sendung „Das perfekte Dinner“ präsentierte.

Es gibt sehr viele Jazzmusiker, die sich gut mit hervorragenden Weinen auskennen und auch gerne bereit sind, einiges dafür zu bezahlen. Gerade letzte Woche geriet ich eher unfreiwillig in ein Fachgespräch über Weine der Region Vaucluse. Der neuseeländische Bassist und der amerikanische Drummer kamen zu dem Ergebnis, dass der Chateauneuf du Pape vom Preisleistungsverhältnis am Besten sei. Auch der inzwischen verstorbene Saxofonist Johnny Griffin kannte sich aus und hatte in seinem Schloss-ähnlichen Haus in Frankreich einen riesigen Weinkeller mit erlesenen Weinen, Cognac und Armagnac.

Es gibt sogar Weine die nach Musikern genannt wurden. Hier ganz in der Nähe wurde ein Pfälzer „Von Buhl“-Riesling auf „Maria Schneider Jazz“ getauft, nachdem die New Yorker Komponistin als Gast des Weinguts bei der Traubenlese mitgeholfen hatte.

Ich erinnere mich noch an ein Weinmagazin, für das Michael Naura CD-Rezensionen schrieb und zu jeder Aufnahme einen passenden Tropfen empfahl. So manche Festivals und Konzertreihen, verbinden ihre Jazzabende mit Kulinarischem und gutem Wein.

Wie gutes Essen und guten Wein, muss man auch diese Musik erst schätzen lernen und einen guten Geschmack entwickeln. Ich denke, früher war es recht verbreitet, dass man eine niedrige Gage durch exzessiven Alkoholkonsum an der Bar „ausgeglichen“ hat. Auch heutzutage gibt es Clubs und Restaurants, die ihre dort auftretende Musiker mit einem Essen und Freigetränken entlohnen. Doch das Image des Jazzmusikers hat sich inzwischen gewandelt. Die meisten achten nun auf ihre Gesundheit, machen Sport und ernähren sich bewusst.

Es muss ja nicht gerade Kaviar und Champagner im Rider stehen, aber nach einem liebevoll zubereiteten Essen spielt man inspirierter als mit Sodbrennen und Schluckauf vom Uitsmijter.

Bis bald,
Eure Anke

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1 Kommentar zu „Der Jazzmusiker ein Feinschmecker?“

  1. Habe von Ankes Existenz und Ihrer Musik grad von nem Freund erfahren. Wunderschön! Das nächste Konzert in meiner Nähe ist in zwei Wochen in Essen. Die Gelegenheit, mehr kennenzulernen.

    Viele Grüße
    Peter

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